Wo war dieses Miststück nur?
Den ganzen Tag über hatte es ihn verfolgt, hatte ihn gejagt, hatte wohl auch gewiss seinen Spaß dabei, denn sonst wäre er bestimmt schon Futter für die Würmer geworden.
Er befand sich im Heizungsraum und vorläufig in Sicherheit. Der Heizungsraum im Keller war wie eine Festung, durch dicke handgemauerte Wände geschützt. Der einzige Zugang zu diesem Raum war eine feuerfeste Sicherheitsstahltür, die nur mit einem Trennschleifer oder einem Schneidbrenner überwindbar gewesen wäre.
>Ein Hoch auf deutsche Wertarbeit<, dachte er sich. Zur Sicherheit hatte er noch den Gashaupthahn zur Heizung zugedreht und den Griff abgezogen.
Um ihn herum waren an den Wänden Werkzeugbretter und Regale angebracht. In ihnen befand sich alles, was der Heimwerker und Hausbesitzer so an Werkzeug und Materialien benötigt. Alles fein säuberlich geordnet und alles an seinem Platz. Ein paar Decken lagen in der Ecke neben der Heizungsanlage. Eigentlich wollte er sie schon längst entsorgt haben, aber nun, da er auf ihnen ruhte und langsam wieder zu sich selbst fand war er froh, es nicht getan zu haben.
Allmählich ließ das Herzklopfen nach. Die letzten Stunden hatte er unter Adrenalin gestanden, war auf der Flucht und hatte sich vor Angst in die Hose gepisst. Doch das interessierte ihn jetzt nicht. Nachdem er in den Heizungskeller hatte flüchten können, hörte er das Mistvieh noch zehn Minuten lang nervös und ärgerlich vor der Tür herumtapsen, bevor es dann plötzlich still wurde. Er war sich nicht sicher, ob es nun fort war oder einfach vor der Tür ausharrte, bis er entweder verhungert oder verdurstet war oder beim Versuch, heimlich zu flüchten, die Tür öffnete.
Es war schlau.
Jedoch kennte er nicht den Grund, warum es überhaupt hier war. Dabei hatte der Tag doch so schön angefangen.
*
Es war ein wunderschöner Sonntagmorgen im April. Der Frühling war nun mit aller Macht übers Land gezogen und hatte den Garten der Familie Bertram in eine traumhafte Oase aus Frühlingsblumen und grünen Zweigen verwandelt. In der geräumigen Küche stand eine massive und mächtige Eckbank. Die Küche war der Treffpunkt der ganzen Familie. Hier wurde beratschlagt, gespielt, gegessen, geredet und gelernt. Das große Doppelfenster war weit geöffnet und ließ den Duft von Flieder und den Gesang der Singvögel ins Haus.
Auf der Küchentheke neben dem Spülbecken röchelte die Kaffeemaschine leise vor sich hin und der Backofen summte bei seiner Bemühung, die Aufbackbrötchen knusprig und braun werden zu lassen. Die ganze Familie war versammelt. Seine Frau Sabine war gerade damit beschäftigt die Butter im Kühlschrank zu suchen, sein zehnjähriger Sohn Tom übte mit einem Strohhalm eifrigst, Weltrekordblasen in seinem Kakao zu produzieren und seine fünfzehnjährige Tochter versuchte ihre Knutschflecken zu verstecken. Doch die Kombination aus Schlafanzug und Halstuch war nicht gerade die beste Idee, die Zeugnisse jugendlicher Knutschkultur zu verbergen. Michael schaute aus dem Fenster, damit seine Tochter sein dämliches Grinsen nicht sehen konnte. Er dachte daran, dass er in seiner Jugend ebenfalls des Öfteren Halstücher tragen musste. Er schaute zu Sabine hinüber. Sie Beide bildeten da auch keine Ausnahme. Wie zur Bestätigung sang Morton sanft und leise „... hunting high and low...” aus dem Kofferradio auf der Fensterbank. Ja, das waren schöne Zeiten.
„Na Lauraschatz, wie geht's denn dem Fabian, seid ihr gestern mit den Hausaufgaben noch fertig geworden?” fragte er unschuldig. Er konnte sich das Lachen jedoch kaum verkneifen, als sie sich hastig an den Schal fasste, um sich zu vergewissern, dass er nicht verrutscht war.
„Jaja .... ganz gut.” stammelte sie.
„Michael, die Brötchen sind fertig, du kannst sie aus dem Backofen nehmen.” rief Sabine, die Michaels Absicht erkannte, seine Tochter mit den Knutschflecken aufzuziehen. Laura war erleichtert.
Als er gerade breit grinsend aufstehen und zum Backofen gehen wollte, passierte es.
Schlagartig war es still. Das Radio rauschte nur noch leise, kein Vogel sang mehr und selbst die leichte Brise hatte aufgehört zu wehen. Noch während die Vier sich verunsichert und fragend ansahen, verdunkelte sich der Himmel.
Unvermittelt begann der Tisch zu beben. Die Tischbeine hoben bis zu zehn Zentimeter vom Boden ab und alles, was sich auf ihm befand, flog auf unvorhersehbaren Bahnen durch den Raum, klatschte mit ungeheurer Wucht an die Wände und tauchte die Küche in Chaos. Laura drückte sich hysterisch schreiend in die hinterste Ecke der Bank. Tom war aufgesprungen und klammerte sich laut weinend an Sabines Bein, die mit der Butterschale in der Hand mitten in der Küche stand und sich vor Schreck nicht rühren konnte. Michael versuchte die Eckbank zu verlassen. Der Tisch bewegte sich rumpelnd in seine Richtung und versperrte ihm den Weg. Flink drehte Michael sich herum und wollte seiner hysterisch schreienden Tochter zur Hilfe kommen, doch der Tisch war schneller. Wieder versperrte er ihm den Weg. Noch immer bebte und zitterte das Möbel. Wütend sah es aus. Als ob es aus Zorn und Hass so beben würde. Langsam bewegte sich der Tisch auf ihn zu, stieß plötzlich blitzschnell vor und traf ihn mit harter Wucht vor die Brust. Er spürte, wie es ihm die Luft aus den Lungen drückte und ihn von der Bank riss. Sabine schrie laut auf und als sein Hinterkopf auf dem harten Küchenboden aufschlug, wurde es leise und dunkel.
Als Michael die Augen öffnete, war es draußen wieder hell, die Vögel sangen wieder und aus dem Radio drang ihm die wohlbekannte Stimme des Radiowetterfroschs entgegen.
Er lag immer noch auf dem Boden. Sabine kniete über ihm und schaute ihm mit verweinten Augen fragend ins Gesicht.
„Es geht mir gut.” log er krächzend, Sabines Blick richtig deutend und versuchte sich aufzurichten. Eine Welle rasender Kopfschmerzen zwang ihn jedoch wieder zu Boden. Sein Magen drehte sich und schwarze Flecken erschienen ihm vor den Augen. Sabine ging zur Spüle und kam mit zwei nassen Lappen wieder zurück, von denen sie einen auf seine Stirn legte und den anderen behutsam in seinen Nacken drückte. Er spürte ihre Hände zitterten.
„Was war das?” fragte sie mit bebender Stimme. Ihre Angst war nicht zu überhören.
„Ich habe nicht die geringste Ahnung.” stöhnte Michael leise. In seinem Kopf brummte es wie in einem Wespennest. „Was ist mit den Kindern?”
„Wir sind hier Papa.” schluchzte Laura.
„Sie haben nichts abbekommen.” sagte Sabine und erzählte ihm, während sie ihm dabei half sich aufzusetzen, dass der Tumult schlagartig endete, als er den Boden berührte. „Es sah so aus, als ob der Tisch es nur auf dich abgesehen hätte.”
Sabine half wieder auf die Beine. Vor seinen Augen drehte sich das Zimmer, ihm war übel, der Kopf schmerzte, die Knie waren weich und sein Brustkorb schmerzte. Skeptisch sah er sich den Tisch an. Es war ein wundervolles Möbel. Mächtig in seiner Größe und Gewicht. Schon als Kind hatte er schreiben und lesen an diesem Tisch geübt. Es war der Tisch seiner Großeltern. Er musste schon an die siebzig Jahre alt sein. Als er die Hand ausstreckte um ihn zu berühren, schrieen Tom und Laura auf.
„Bitte berühr´ das Ding bloß nicht!” schrie Laura panisch. „Ich habe Angst, dass er wieder verrückt wird.” Sie begann zu weinen und Tom mit ihr. Seine Kinder standen in der Ecke zusammengedrängt und hielten sich gegenseitig fest. Wenn die Situation nicht so dramatisch gewesen wäre, hätte er über das seltene Bild geschwisterlicher Zuneigung freudig gelächelt. Aber jetzt tat es ihm Leid, dass seine Kinder solch eine Angst ausstehen mussten.
„Euch wird er nichts tun.” versuchte er sie zu beruhigen. „Ihr habt doch gesehen, dass er hinter mir her war.”
„Das ist mir egal!” erwiderte Laura hysterisch kreischend. Tom hielt sich an seiner Schwester fest und sagte gar nichts.
„Denkst du, ich will dabei zusehen, wie mein Vater von einem zentnerschweren Tisch gefressen wird?! Ich habe Angst, Papa!” In ihren Augen sah er wirklich große Angst. Michael sah ein dass es keinen Sinn hatte, den Tisch zu untersuchen, solange die Kinder anwesend waren.
„Sabine, geh doch bitte mit den Kindern hinüber ins Wohnzimmer, ich hole noch was zu trinken aus dem Kühlschrank und komme dann nach...”
Sabine ahnte was er vorhatte, holte Luft und wollte etwas erwidern, sah seinen entschlossenen Blick und ließ es sein. Dann nahm sie ihre verstörten Kinder bei der Hand, redete beruhigend auf sie ein und verließ mit ihnen die Küche.
Als Sabine und die Kinder gegangen waren, richtete er seinen Blick wieder auf den Tisch. Er konnte sich überhaupt nicht erklären, was da gerade eben vor sich gegangen war. So etwas total Verrücktes hatte er noch nie erlebt. Der Tisch stand ruhig wie immer vor ihm. Seine polierte Oberfläche glänzte im Licht der Küchenlampe und nichts wies darauf hin, was gerade eben erst vor ein paar Minuten passiert war. Michael streckte langsam die Hand aus. Sie zitterte wie die Hand eines Alkoholikers nach einer trockenen Nacht. Doch bevor er die Tischplatte berührte, zögerte er. Was würde passieren? Was, wenn der ganze Spuk wieder von vorne losging? Er suchte nach einer Erklärung. An beseelte Alltagsgegenstände glaubte er nicht, genauso wenig wie an Zauberei, Magie, Religion und solche Sachen. Er war ein erwachsener Mann, der sich die Welt mit den Augen der Naturwissenschaften erklärte. Es konnte einfach keinen Tisch geben, der sich auf wundersame Weise selber bewegte und dazu noch gezielt einen Menschen angriff.
Dann legte er die Hand auf die Tischplatte und … nichts geschah. Er war sich nicht sicher ob er das erwartet hätte, oder ob er überhaupt eine Erwartung gehabt hätte. Aber die Tischplatte war kalt wie immer. Keine Wärme, Bilder, Töne, elektrische Strömungen oder sonstige Unheimlichkeiten, wie in drittklassigen Horrorfilmen. Nur die kalte Tischplatte eines alten Tischs. Michael zog die Hand lächelnd wieder zurück. Wie so oft, wenn einem Menschen sichere Erklärungen für eine Sache fehlten die er nicht kannte, dachte er an Wasseradern oder Erdmagnetismus. Andere Gründe konnten für dieses Phänomen gar nicht in Frage kommen.
Gerade in dem Moment, in dem er zu seiner beruhigenden These gefunden hatte, drang der Lärm von zerbrechendem Geschirr und lautem Gepolter aus dem Wohnzimmer. Seine Frau und die Kinder schrien entsetzt. Er hetzte los und glaubte seinen Augen kaum, als er das Wohnzimmer erreichte. Der alte Buffetschrank seiner Großmutter bewegte sich. Er tanzte ebenso wie der Küchentisch, zitterte und vibrierte. Der Schrank bäumte sich auf, reckte und streckte sich und es schien, als ob er ein Gesicht bekommen hätte. Die beiden oberen Türen funkelten ihn böse an und das Board, das eigentlich den oberen Teil vom unteren trennte, sah aus wie ein riesiges hungriges Maul. Der Eindruck verstärkte sich noch dadurch, dass sich dieses Maul zu einem hämischen Grinsen verzog. Dann bäumte sich das Möbel auf und schien einen Meter zu wachsen, brüllte fürchterlich wie ein angeschossenes Raubtier. Er machte zwei Schritte nach vorn und bei jedem Schritt klirrte das Geschirr in ihm. Er blieb stehen und schaute verdutzt an sich herunter. Wieder machte er einen Schritt und wieder klirrte das Geschirr in ihm. Diesmal funkelten seine Augen zornig. Er öffnete die Türen und schüttelte sich wie ein nasser Hund, so dass alle Teller und Tassen in hohem Bogen aus ihm heraus durch den ganzen Raum geschleudert wurden. Sabine und die Kinder hatten sich in Sicherheit gebracht und standen starr vor Schreck in der Tür zum Flur. Michael musste aufpassen, und dem umherfliegenden Geschirr ausweichen.
„Michael!” rief Sabine gegen den Lärm des auf dem Boden zerschellenden Geschirrs an. „Los, komm hier herüber. Schnell!”
Michael starrte gebannt auf den Schrank. Er konnte immer noch nicht glauben, was er dort sah.
Sabine und die Kinder riefen verzweifelt nach ihm, doch er konnte nicht wegsehen. Als der Monsterschrank Michael tief in die Augen blickte und sein Maul versuchte Worte zu formen, wurde es ihm zu unheimlich. Er wollte sich gerade umdrehen und zu seiner Familie laufen, als das Ding wieder anfing zu brüllen. Es hatte eine tiefe und grausame Stimme, die wie das Brüllen eines mächtigen Drachens, mit verdammt leerem Magen klang. Diesmal schien es was zu sagen. Er drehte sich auf dem Absatz um und starrte das Ding überrascht an. Er glaubte etwas gehört zu haben, das er erkannte. Einen Namen. Wieder war das Geräusch des Dings zu hören, das wie eine Mischung aus Grunzen und Grölen klang, doch diesmal war es verständlich.
„Anabell!!!!” rief das Ding schaurig. Immer wieder „Anabell!!!”
Dann kam es in einer Geschwindigkeit auf ihn zu, dass er weder die Möglichkeit hatte nachzudenken woher er den Namen kannte, noch den Versuch unternehmen konnte, zu seiner Familie zu kommen. Sabine und die Kinder schrien panisch und rannten in den Flur. Michael wollte sich mit einem Hechtsprung in die Küche retten. Doch das Biest von Schrank war verdammt schnell. Eine der wild flatternden Türen erwischte ihn am Fuß, bevor er in die Küche flog. Ein heißer Schmerz raste durch sein Bein. Durch die Wucht des Schlages drehte er sich in seinem Flug um die eigene Achse und prallte mit den Knien gegen den Türrahmen der Küchentür, schlug auf dem Boden auf, rollte sich ab, konnte seinen Schwung jedoch nicht abfangen und krachte seitlich gegen die Unterbauschränke.
Er hatte Glück im Unglück. Sein Gesicht kam nur ein paar Zentimeter vor der noch glühend heißen Backofentür zum stehen. In der Hektik hatten sie vergessen, den Backofen auszuschalten. Die Brötchen waren nun schon auf die Größe von Grillbriketts zusammengeschrumpft und ebenso schwarz geworden. Er spürte die brennende Hitze des Glasfensters auf seinem Gesicht und drehte sich hastig auf den Rücken. Sein Fuß und die Knie schmerzten, als ob sie in Flammen ständen.
Draußen im Wohnzimmer wütete und brüllte das Ding. Es versuchte durch die Küchentür zu kommen. Doch es war zu breit, passte nicht durch den Türrahmen hindurch. Glas splitterte und Holz zerbarst und zahlreiche Splitter bedeckten schnell den Küchenboden. Dann plötzlich, zog sich der Schrank zurück ins Wohnzimmer. Dem Lärm nach zu urteilen, wütete er fürchterlich und verwüstete die gesamte Wohnzimmereinrichtung. Michael konnte hören wie der Glastisch zerbrach, das Bücherregal umflog und die sündhaft teure Anbauwand zerbarst.
Der Schmerz in Michaels Beinen ließ nach. Er konnte sie wieder bewegen, ohne dass er das Gefühl hatte, dass weißglühend flüssiger Stahl durch seine Adern fließen würde. Er setzte sich hin und schaltete den Backofen aus. Selbst durch die Jeanshose hindurch konnte man erkennen, dass sein linkes Knie mächtig angeschwollen war. Die Schranktür hatte ihn oberhalb des rechten Fußknöchels erwischt und einen blutroten Striemen hinterlassen. Die linke Hüftseite schmerzte. Da war er mit dem Unterbauschrank zusammengestoßen.
Nach einem mächtigen Gepolter, das das alte Haus erzittern ließ, herrschte schlagartig Totenstille. So sehr er sich auch anstrengte, er konnte kein Geräusch hören. Nicht mal das ansonsten laute Ticken der Küchenuhr, sie schien stehen geblieben zu sein. Von dem Schrank, oder was immer es auch war, war nichts mehr zu hören, ebenso wenig wie von seiner Frau und seinen Kindern. Er wollte nach ihnen rufen, ließ es aber dann doch bleiben. Er wusste schließlich nicht, wo sich das Ding nun aufhielt. Sie hatten sich bestimmt versteckt und würden sich verraten, wenn einer von ihnen auf seinen Ruf antwortete. Besser war es, erst einmal wieder auf die Beine zu kommen.
Langsam und unter Schmerzen, die ihm nun schlagartig wieder in die Beine strömten, zog er sich an der Arbeitsplatte hoch und kam auf die Füße. Einen Moment lang wurde ihm schwindelig und schwarz vor Augen und er musste sich an der Arbeitsplatte festhalten um nicht wieder hinzufallen. Der Schmerz wurde wieder erträglicher, nachdem er ein paar Schritte in Richtung Wohnzimmer humpelte. Die Glas- und Holzsplitter knirschten bei jedem Schritt unter seinen Schuhen. Er bemühte sich so leise wie möglich zu sein, um das Mistvieh nicht wieder hochzuschrecken. Vorsichtig schielte er ins Wohnzimmer. Es bot sich ihm ein Bild der puren Zerstörung. Alles was sich in diesem Zimmer befand, war zerschlagen. Nichts hatte das Biest heil gelassen. Es sah so aus, als hätte dort jemand einen Sprengsatz gezündet. Der Schrank war bis zur Unkenntlichkeit zertrümmert und lag bäuchlings vor der Tür zum Flur auf dem Boden, die Schranktüren waren abgerissen und im ganzen Zimmer verteilt. Es würde schwierig werden, das Wohnzimmer zu durchqueren und über den Schrank zu klettern, um in den Flur zu kommen. An die Schmerzen in seinen Beinen gar nicht zu denken. Er fasste in seine Hosentasche und griff seinen Schlüsselbund. Es wäre viel einfacher durch das Küchenfenster zu steigen und durch die Haustür wieder ins Haus zu gelangen, um seine Familie zu finden und durch ein anderes Fenster gemeinsam zu flüchten.
Leise ging er zum weit geöffneten Fenster und beugte sich vor, doch weit kam er nicht. Mitten im Schwung prallte er mit der Stirn gegen etwas Hartes. Ein leises Knistern war zu hören und ein blassrosa schimmernder Lichtkreis erschien an der Stelle, an der sein Kopf dieses undurchdringlich Harte berührte, das er fühlen, aber nicht sehen konnte. Vorsichtig ging er einen Schritt zurück und rieb sich die schmerzende Stelle an der Stirn. Das Fenster stand sperrangelweit auf. Nichts wies darauf hin, dass es dort eine Barriere gab, die er nicht durchdringen konnte. Selbst der Wind, der leise durch den Garten schlich und sanft die Heckenrosen wiegte, kam ins Zimmer geweht, bewegte die Übergardinen und erfüllte immer noch den Raum mit den Düften des Gartens. Als er näher zum Fenster ging, konnte er den Wind sogar in seinem Gesicht spüren.
Langsam streckte er die Hand aus. Doch wieder stieß seine Hand auf einen harten Widerstand, wieder begann es leise zu knistern und wieder erschien dieser blasse Lichtkranz um die Stelle herum, die er mit der Hand berührte. Hastig zog er seine Hand zurück. Dieser Fluchtweg war abgeschnitten und er würde sich wohl doch durch das Wohnzimmer kämpfen müssen, denn soviel stand fest: Dies war eine Barriere, die er wohl nicht überwinden konnte. Eine Einsicht, die seine Frau schon erlangt hatte.
*
Sabine hörte das furchtbare Brüllen dieses Monsterschranks und sah, wie er Michael noch am Fuß erwischte während er in die Küche sprang und schrie laut auf vor Angst und Sorge um ihren Mann. Doch als dieses Monstrum versuchte, in die Küche zu kommen, sah sie ihre Chance. Das Ding war abgelenkt und konnte Michael nicht erreichen. Es konnte ihm nichts tun. Er war erst mal in Sicherheit. Sie rannte zurück in den Flur und suchte ihre Kinder. Tom und Laura standen schutzsuchend hinter dem Schuhschrank und klammerten sich aneinander fest. Sie zitterten am ganzen Leib, jegliche Farbe war aus ihren Gesichtern verschwunden.
„Mama, was ist das für ein Teufelsding?” fragte Laura dünn.
„Ich weiß es nicht.” antwortete Sabine kopfschüttelnd und schlug die Hände vors Gesicht. Sie war kurz davor ihren Tränen freien Lauf zu lassen. Doch dann nahm sie die Hände herunter und schaute ihren Kindern ins Gesicht. Sie waren völlig verstört. Laura flossen die Tränen übers Gesicht und sie schaute ständig voller Angst um sich. Jedesmal, wenn das Ding, das immer noch im Wohnzimmer wütete und brüllte, zuckte sie zusammen. Sabine hatte Sorge, dass ihre Tochter jeden Moment zusammenbrechen könnte.
Tom sagte gar nichts. Seine Augen waren weit aufgerissen und starrten ins Leere. Krampfhaft hielt er sich an seiner Schwester fest. Sein Gesicht war nur noch eine von Angst entstellte Maske. Wenn sie jetzt auch noch die Fassung verlor, würden die Kinder noch mehr Angst bekommen.
„Bist du in Ordnung Tom?” Sabine machte sich große Sorgen. Tom nickte nur. Er musste einen fürchterlichen Schock erlitten haben.
„Lasst uns schnell hier abhauen. Solange das Ding da noch im Wohnzimmer zugange ist, kann es uns nichts tun.”
„Aber was ist dann mit Papa?” schluchzte Laura.
„Das Küchenfenster ist offen. Wir holen ihn durch das Küchenfenster heraus.” erklärte Sabine und nahm ihre Kinder bei der Hand.
Leise schlichen sie den Flur entlang. Die Haustür war nur noch wenige Schritte entfernt. Das Ding wütete noch immer im Wohnzimmer. Die Hände der Kinder waren so nass vom Schweiß, dass sie sie kaum noch festhalten konnte. Nach einem lauten Krachen wurde es plötzlich still. Alle drei blieben abrupt stehen und hielten den Atem an. Doch nicht das geringste Geräusch war mehr zu hören. Lediglich ihr beschleunigter Herzschlag verursachte Klopfen und Rauschen in ihren Ohren. Laura schaute ihre Mutter an. In ihrem Gesicht stand helle Panik geschrieben. Schlimmer als ein riesiger Tumult ist, wenn darauf plötzlich und unerklärlich Stille herrscht.
Vorsichtig, um sich so leise wie möglich zu bewegen, schlichen sie weiter bis zur Haustür. Sabines Herz schlug so wild, dass sie Angst hatte, man könne ihren Herzschlag bis in den Keller hören. Als sie die Tür erreichten und Sabine an der Türklinke zog, wurde sie fast wahnsinnig: Die Tür war verschlossen!
„Scheiße.” zischte Laura leise.
Sabine drehte sich um, schaute ihrer Tochter vorwurfsvoll ins Gesicht und legte ihr den Finger über den Mund. Sie musste nachdenken. Gestern Abend war sie noch drüben bei ihrer Nachbarin gewesen. Sie hatten zusammen Kaffee getrunken und geklönt. Dann war sie nach Hause gegangen, hatte die Tür hinter sich zugeschlossen und den Schlüssel dann... ja genau, auf den Schuhschrank gelegt. Sie blickte den Flur entlang zum Schuhschrank. Und da lag er noch immer. Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Normalerweise legte sie ihren Schlüssel immer ins Wohnzimmerregal in die Schlüsselschale. Gestern hatte sie aber auf dem Weg nach oben den Schlüssel einfach auf den Schuhschrank geschmissen.
Per Handzeichen erklärte sie ihrer Tochter was sie vorhatte. Die nickte und sah ihrer Mutter ängstlich zu, wie sie auf Zehenspitzen zum Schuhschrank schlich, den Schlüssel aufnahm - was ein flüsterleises Klirren verursachte - und dann auf Zehenspitzen wieder zur Tür zurückschlich. Das alles geschah leise und ohne dass von dem Ding irgendetwas zu hören gewesen wäre. Sabines Hand zitterte so fürchterlich, dass sie drei Anläufe brauchte, um den Schlüssel ins Schloss zu bekommen. Sie drehte den Schlüssel, fasste die Türklinke an und zog.
Ein kollektives Aufatmen war zu hören, als die Tür sich öffnete und helles Sonnenlicht den Flur durchflutete. Sabine und den Kindern erschien es wie ein gleißendes Tor aus der Dunkelheit des Todes, zurück ins warme Licht des Lebens. Hastig machte Sabine einen Schritt nach vorne und prallte im gleichen Moment gegen etwas unglaublich Hartes. Gleichzeitig schimmerte ein zartes rosafarbenes Licht, das von einem leisen Knistern begleitet wurde. Die Wucht des Aufpralls schleuderte Sabine zurück in den Flur, wo sie das Gleichgewicht verlor und mit einem leisen Aufschrei auf ihrem Hinterteil landete. Für einen kurzen Moment sah sie Sterne vor den Augen.
Laura kniete sich neben sie und nahm ihre Hand.
„Was ist passiert?” fragte sie leise und besorgt.
„Ich weiß es nicht. Irgendetwas versperrt die Tür. Wir kommen nicht hinaus.”
„Aber was ist das?” Laura klang verzweifelt.
„Ich... ich habe keine Ahnung.” sie suchte nach einer Erklärung, als sie ihren Sohn leise weinen hörte. Es zerriss sie fast vor Mitleid, als sie ihren kleinen Jungen da so verzweifelt und völlig verängstigt weinen sah. „Komm zu Mama Tom.” sagte sie zärtlich.
Er warf sich seiner immer noch auf dem Boden sitzenden Mutter um den Hals und weinte bitterlich.
„Ich hab solch eine Angst Mutti.” schluchzte er.
Sabine versuchte ihn zu beruhigen: „Laura und ich werden auf dich aufpassen. Nichts und niemand kann dir etwas zuleide tun.” dann streichelte sie ihm zärtlich übers Haar und Laura hielt seine Hand, die kalt und nass war und fürchterlich zitterte.
„Du musst jetzt stark sein, mein Junge. Wenn wir zusammenbleiben, kann uns nichts passieren.” Sabine war sich da zwar gar nicht sicher, aber sie hoffte, den Jungen so ein wenig beruhigen zu können. Sie löste sich aus seinem Griff, stellte ihn gerade vor sich hin, wischte ihm die Tränen aus dem Gesicht und trichterte ihm ein: „Du nimmst jetzt deine Schwester bei der Hand und lässt sie erst wieder los, wenn ich dir das sage. Verstanden?”
Tom nickte.
„Wir werden jetzt versuchen, einen anderen Weg aus dem Haus zu finden. Dann holen wir Hilfe und retten Papa. Ich hoffe, er hat sich in Sicherheit gebracht.”
„Mein armer Papa. Ihm ist bestimmt etwas Fürchterliches zugestoßen.” Toms Augen füllten sich wieder mit Tränen.
„Ach was.” entgegnete Sabine zuversichtlich. „Papa ist groß und stark wie ein Bär. Der weiß sich doch immer zu helfen. Der hat sich bestimmt ein Versteck gesucht und überlegt jetzt, wie er uns hier heraushelfen kann.”
Das schien ihn etwas zu beruhigen. Er wischte sich die Augen trocken und stimmte ihr zu:
„Ja, Papa ist wirklich groß und stark. Ich hoffe es geht ihm gut.”
„Komm jetzt mein Kleiner.” flüsterte Laura und nahm Toms Hand fest in die Ihre. „Ich werde jetzt besonders gut auf dich aufpassen.”
Sabine rappelte sich wieder auf. Sie fragte sich, was ihr den Weg durch die Tür versperrt hatte. Langsam und mit ausgestreckter Hand näherte sie sich der Tür. Sie spürte ein elektrisierendes Kribbeln, als sie dem Ausgang näher kam. Und dann, als sie die unsichtbare Wand mit den Fingern berührte, sah sie einen rosafarbenen Lichtkranz um jeden Finger, der diese Wand berührte und dieses leise, elektronisch klingende Knistern. Außer einem leichten Kribbeln in den Fingerspitzen konnte sie nichts spüren. Sie hätte erwartet, irgendetwas zu spüren, etwas Kaltes oder Warmes, vielleicht so etwas wie Glas oder Stein. Aber nichts dergleichen war eingetreten. Es war einfach nur ein Widerstand, ein Hindernis, so als wäre die Luft plötzlich undurchdringlich geworden.
Laura wurde neugierig: „Und, was ist das jetzt?”
„Ich kann es Dir nicht sagen Laura. Es fühlt sich nach Nichts an. Ich weis nur, dass wir hier nicht durchkommen.”
„Na toll.” nörgelte sie. „Was machen wir nun?”
„Einen anderen Ausweg suchen.” erwiderte Sabine.
Und dann hörten sie ein Geräusch.
Es war ein dunkles Kichern.
Und es war direkt hinter ihnen.
*
Erschrocken drehten sie sich um und was sie sahen, ließ ihnen die Angst in die Glieder fahren.
Keine zwei Meter von ihnen entfernt stand der alte Schuhschrank. Das Licht, das durch die geöffnete Haustür den Flur erleuchtete, tauchte ihn zur Hälfte in hellen Glanz, die andere Hälfte wurde von der Dunkelheit des Flurs fast verschluckt. Er musste sich leise an sie herangeschlichen haben, als sie sich mit der Barriere an der Tür befasst hatten.
Es war eigentlich ein wunderschöner alter Schuhschrank aus dunklem Eichenholz. Doch nun kam er ihnen alt, hässlich, verkommen und bedrohlich vor.
Er hatte drei Fächer, die untereinander angeordnet waren. An jedem Fach waren zwei große runde Knöpfe, ebenfalls aus Eichenholz, an denen man die Fächer nach außen kippen konnte.
Wieder kicherte das Möbel - das obere Fach ging dabei auf und zu - doch diesmal lauter. Es war purer Hohn und Spott.
„Ihr kommt da niemals raus.” knarzte das Ding - diesmal bewegte sich die mittlere Schublade - und machte einen Schritt nach vorne. So wie es sich bewegte sah es aus, als wäre es aus Gummi. Flexibel und geschmeidig. Es kam ihnen bedrohlich nahe. Sabine ließ ihren Blick wandern. Das Ding versperrte ihnen den Weg nach vorne. Die einzige Fluchtmöglichkeit war die Treppe, die in die zweite Etage führte. Dort befanden sich die Schlafräume.
„Ja schau dich nur um, Menschenschleim. Ihr kommt hier niemals wieder raus.” Das untere Fach bewegte sich im Rhythmus der Worte. „Und dieses Stück Menschenscheiße, das aus dem Arsch einer miesen und betrügerischen billigen Hure gepresst wurde, bekomme ich auch noch zu fassen.” und wieder lachte das Ding, siegessicher und herablassend.
Mit letzterem schien es Michael gemeint haben. Nun wusste sie wenigstens, dass es ihn noch nicht erwischt hatte und dass er sich irgendwo in Sicherheit bringen konnte.
„Was willst du von uns, du Scheißvieh?!?!” schrie sie das Ding an. Die Antwort bekam sie von allen drei Fächern gleichzeitig: „Euren Tod und meine Bezahlung!!!”
Mit diesen Worten kam das Ding auf sie zugerannt. Sabine krallte sich in Lauras Pyjamaärmel - die immer noch ihren Bruder krampfhaft festhielt - und zog die beiden mit sich zur Treppe. Die Kinder hatten begriffen, was sie wollte und rannten hinterher. Tom rutschte auf der Treppe aus, doch Laura zog ihn unsanft sofort wieder auf die Beine. Wenn man es eilig hat, kann so eine Treppe in einem Einfamilienhaus verdammt lang werden. Begleitet wurden sie von dem lauten und hämischen Lachen des Dings, das unten vor der Treppe stand. Als sie oben ankamen mussten sie erst einmal verschnaufen und tief Luft holen.
„Das hast du nun davon, du Scheißding!” schrie Laura die Treppe hinab. „Komm doch mit deinen Krüppelfüßen hier rauf, wenn du kannst!”
Das Ding verzog alle drei Fächer zu einem hässlichen Grinsen.
„Das brauche ich gar nicht.” sagte das Ding gelassen. „Ich bin doch schon längst da.”
Und dann konnte man sehen, wie der Schrank wieder ein Schrank wurde. Nicht, dass er sich äußerlich irgendwie verändert hätte, aber man konnte ihm ansehen, dass das Ding nicht mehr in ihm steckte. Er wurde wieder leblos.
„Ich bin doch schon längst hier!!!” schrie es hinter ihnen triumphierend. Als sie sich hektisch umdrehten, sahen sie den alten Garderobenschrank, der zwischen den Kinderzimmern hier oben im Flur stand. Mit auf- und zuklappenden Türen rannte er auf sie zu.
„Ihr könnt nicht entkommen!!!” schrie es ihnen entgegen. „Ich werde euch zermalmen, zerquetschen und zertreten! Und dann werde ich eure schmierigen Eingeweide fressen und eure kümmerlichen kleinen Scheißseelen mit mir nehmen, um euch in ewigen Qualen im heißesten Feuer der Hölle zu quälen und zu rösten!!!”
Geistesgegenwärtig schnappte Sabine sich die Kinder und rannte den Flur entlang zum Schlafzimmer. Es war der einzige Raum, dessen Tür offen stand und sie wusste, dort befanden sich keine alten Eichenmöbel. Sie hatten das gesamte Schlafzimmerinventar vor kurzem erst neu gekauft. Das Ding war verflucht schnell. Sie konnten die schweren Tritte wie Hammerschläge hinter sich hören. Doch sie rannten um ihr Leben und waren schneller. Das Ding war ganz dicht hinter ihnen und jedesmal, wenn es versuchte sie zu erwischen und mit den Türen nach ihnen schnappte, spürten sie den Luftzug im Nacken.
Die rettende Schlafzimmertür war nur noch wenige Meter entfernt. Wieder rutschte Tom aus, doch er hatte gar keine Chance auf den Boden zu fallen, Laura zog ihn mit übermenschlichen Kräften hinter sich her. Drei lange Schritte weiter erreichten sie endlich das rettende Schlafzimmer.
„Die Schminkkommode!” rief Sabine und Laura begriff was sie meinte. Sie schmiss ihren kleinen Bruder förmlich in den Raum, trat mit dem Fuß die nach innen öffnende Tür zu und eilte ihrer Mutter zur Hilfe, die sich daran machte, die Schminkkommode zur Tür zu schieben. Draußen hörten sie, wie das Ding hart gegen die Tür schlug. Diese erzitterte und bebte unter den mächtigen Schlägen des schweren Schranks, doch glücklicherweise war dies ein altes Haus, mit alten Türen. Die hielten ordentlich was aus. Mit gemeinsamer Kraft schafften sie es, die Kommode vor die Tür zu wuchten.
„Das Bett.” Sabine deutete auf das große Doppelbett.
Diesmal griff auch Tom beherzt zu und sie schoben zu dritt das Bett vor die Kommode.
„Versuch doch mal dadurch zu kommen, du Miststück!!!” schrie Laura und wunderte sich über ihre eigenen Worte. Die Schläge hörten augenblicklich auf.
„Menschlein.” sagte das Ding belustigt und seine Stimme klang dumpf von der anderen Seite der Tür. „Versuch doch mal, hier wieder hinauszukommen.” Und dann lachte es furchtbar laut. Sabine, Laura und Tom sahen sich an.
„Scheiße Mutti, das war eine Falle.” sagte Tom, und sah nicht glücklich dabei aus.
*
Michael sah sich in der Küche um. Er suchte nach irgendeinem Ausweg. Kurzerhand schnappt er sich einen der schweren Küchenstühle, ging zum offenen Fenster und warf ihn mit aller Kraft hindurch. Zu seiner Überraschung zerbarst der Stuhl aber nicht, sondern flog munter durchs Fenster, schlug draußen auf dem Boden auf und pflügte das Kräuterbeet, bevor er gänzlich zum Stillstand kam. Doch als er seine Hand ausstreckte war da wieder diese unsichtbare Wand, das Leuchten und das Knistern. Es war zum verrückt werden. Diese Wand ließ tote Gegenstände hindurch, doch lebende hielt sie zurück. Gerade als er der völlig absurden Frage nachging, ob es wohl untote Gegenstände auch durchlassen würde, hörte er seine Frau irgendetwas schreien. Dann schrie das Ding in unglaublicher Lautstärke etwas von Tod und Bezahlung.
Er hörte viele Füße die Treppe zum zweiten Stock emporrennen. Das Mistvieh war wieder da und hatte es diesmal scheinbar auf seine Familie abgesehen. Hastig spurtete er zum Wohnzimmer los und wäre dabei fast hingefallen. Er hatte nicht mehr an die Schmerzen in seinen Gliedern gedacht. Ihm knickten fast die Beine weg und eine rote Wolke zischenden Schmerzes benebelte seine Sinne. Doch als er die Angstschreie seiner Familie aus dem oberen Stockwerk hörte, verdrängte er die Schmerzen und wühlte sich einen Weg durchs Wohnzimmer. Dabei musste er immer aufpassen nicht zu stolpern und sich nicht zu verletzen. Doch besonders schnell kam er nicht voran. Das Biest hatte selbst die Polstermöbel zerfetzt und die Einzelteile im ganzen Wohnzimmer verteilt. Es war ein wirklich mühsamer Weg. Von oben drang immer noch heftiger Tumult an seine Ohren. Als er endlich den Buffetschrank erreichte, der ihm den Weg durch die Tür versperrte, hörte er das Ding oben grausig hämisch lachen. Hoffentlich hat es niemanden erwischt, dachte er voller Furcht. Als er sich gerade daranbegeben wollte, über den Schrank zu klettern, hörte das furchtbare Lachen schlagartig auf.
Es herrschte wieder Stille. Jedes Geräusch, das er verursachte, klang dreifach verstärkt. So leise wie möglich versuchte Michael über den Schrank zu klettern. Er wollte dem Ding ja nicht gleich verraten, wo er sich befand. Das Monster von Buffetschrank lag fast hochkant vor der Tür. Er hatte große Mühe ihn zu erklettern. Als er fast darüber war, gab das alte Holz nach und mit einem ohrenbetäubenden Getöse rutschte der Schrank an der Türzarge entlang zum Boden, wo er mit einem lauten Knall aufschlug und eine Wolke an Staub und Holzsplitter in die Luft stob. Michael konnte sich nicht mehr halten und wurde in den Flur geschleudert, wo er sich abrollen konnte und vor der geöffneten Türe zum Stillstand kam. Wenn jemand anwesend gewesen wäre, hätte er eine Wette darüber abgeschlossen, dass auch die Haustür mit der seltsamen Barriere verbarrikadiert war. Er streckte vorsichtig seinen Arm aus und wurde in seiner Vermutung bestätigt als er das rosa Licht sah und das Knistern hörte.
Mühsam raffte er sich auf. Alle Knochen im Leibe schmerzten, der Aufprall war verflucht hart gewesen. Vorsichtig schaute er sich um. Von irgendeinem Möbel war weit und breit nichts zu sehen. Entweder hatte das Ding ihn nicht gehört, was er sich bei dem Krach, den er verursacht hatte, gar nicht vorstellen konnte, oder es wartete irgendwo hinter einer Ecke um ihn hinterrücks überfallen zu können. Er musste nach oben und sehen, was mit seiner Familie passiert war. Die Treppe war frei. Vorsichtig humpelte er zur ersten Stufe und zog sich dann Stufe für Stufe am Geländer empor, immer lauschend, ob sich das Ding durch irgendein Geräusch verraten würde. Als er hoch genug war, um durch das Geländer den Flur entlang sehen zu können, stoppte er und schaute sich vorsichtig um. Weit und breit war nichts zu sehen. Langsam erklomm er die letzten Stufen. So leise wie möglich schlich er den Flur entlang. Doch nirgends war ein Lebenszeichen seiner Familie auszumachen. Als er am Ende des Flurs ankam, sah er die tiefen Kerben und Macken in der Schlafzimmertür. Seine Hoffnung erfüllte sich, als er hinter der Tür leise Stimmen vernahm. Doch als er vorsichtig die Türklinke herunterdrückte verstummten sie sofort. Er versuchte die Tür aufzudrücken, doch sie war fest verriegelt.
„Verpiss dich, miese Höllenkreatur! Wir verhungern hier lieber, bevor du auch nur einen von uns zu fressen bekommst!” das war die eigentlich zarte Stimme seiner Tochter, die ihm da entgegenschlug.
„Mach die Tür auf Laura. Ich bin es.”
„Michael?” hörte er Sabine rufen.
„Ja zum Teufel. Macht endlich die Tür auf.”
„Michael! Michael sei vorsichtig! Das ist eine Falle! Das Mistvieh hat uns hier reingetrieben!” rief Sabine panisch. „Wir haben die Tür verrammelt und bekommen sie so schnell nicht wieder auf!”
Doch die Warnung kam zu spät. Im gleichen Moment spürte er einen harten Schlag gegen seine Fersen, der ihn von den Beinen riss. Michael wirbelte auf dem Rücken liegend herum und sah, wie die alte Wäschekommode aus dem Haushaltszimmer, wie ein bissiger Pitbull, der seit Tagen nichts zu fressen bekommen hatte, mit seinen Türen nach ihm schnappte. Michael zog die Beine an und versetzte der Kommode mit beiden Füßen einen heftigen Tritt. Das alte Möbel, so schwer es auch war, flog mindestens einen Meter weit nach hinten, bevor es rücklings zum liegen kam. Es wedelte wie verrückt mit den Türen und Schubladen. Es sah aus wie ein mutierter Maikäfer, der auf dem Rücken lag und mit den Beinchen strampelte.
„Ich habe das Ding umgetreten!” rief er triumphierend und sprang auf. „Da muss schon was anderes kommen, als solch ein schlapper Sperrmüll wie du!”
Die Kommode hörte auf zu strampeln. „Das kannst du haben.” knurrte sie bedrohlich und gereizt.
„Renn Michael!” hörte er Sabine wieder aus dem Schlafzimmer schreien. „Es kann springen! Laaauf, so schnell du kannst!!!!”
Michael begriff nicht sofort, was Sabine meinte. Doch als er schwere Schritte hörte und aus dem Dunkel des Flurs der mächtige Garderobenschrank bedrohlich auf ihn zukam, wusste er was sie meinte: Es konnte von Möbel zu Möbel springen, es beseelen und benutzen. Gegen solch einen massiven Kampfschrank hatte er nicht die geringste Chance. Langsam kam er auf ihn zu. Mit einem Tritt beförderte er die Kommode, die ihm im Wege lag zur Seite. Sie flog durch die halb geöffnete Haushaltszimmertür, riss sie aus den Angeln und schleuderte sie quer durch den Raum. Als die Kommode auf dem Boden aufschlug, zerbarst sie in tausend Teile.
„Laaaauf weg!” die Rufe seiner Familie holten ihn aus seiner Lethargie. Mittlerweile war das Ding kaum fünfzig Zentimeter von ihm entfernt. Rechts und links von dem Schrank war nur sehr wenig Platz, doch mit ein wenig Glück konnte er da hindurch entwischen.
„Hab ich dich.” knurrte das Ding böse.
„Das denkst auch nur du.” entgegnete Michael ebenso böse. Das Ding lachte überheblich, war es sich seiner Sache doch überaus sicher. Genau diesen Moment nutzte Michael aus. Er täuschte eine Bewegung nach rechts an, worauf der Schrank dann auch blitzschnell reagierte und ihn mit der linken Schranktür niederknüppeln wollte. Doch Michael ließ sich nach links fallen, hielt sich am Schrank fest, quetschte sich seitlich an ihm vorbei und rannte los. Damit hatte das Mistvieh nicht gerechnet. Es brüllte furchtbar in seiner Wut. Michael jedoch rannte ohne sich umzusehen, begleitet vom Brüllen des Dings, das hinter ihm herrannte und in seiner Wut mit seinen mächtigen Türen gegen die Wände schlug. Michael erreichte das Treppengeländer, fasste es mit beiden Händen und hievte sich darüber hinweg. Damit sparte er mindestens fünf Stufen. Wieder brüllte das Ding, doch dann verstummte es.
Doch als Michael gerade die letzten Stufen nehmen wollte, kam ihm am unteren Ende der Treppe nun der Schuhschrank wütend brüllend entgegen. Doch Michael stieß sich von der drittletzten Stufe ab und sprang glatt über den Schuhschrank hinweg. Der drehte sich noch und schnappte mit allen drei Schubladen nach ihm, doch Michael war schneller und die Schubladen schnappten ins Leere. Er wollte in den Keller, das war der einzige Ort, wo er vor dem Ding sicher sein würde. Also hetzte er durch den Flur zur Kellertreppe. Er machte sich gar nicht die Mühe die Tür mit der Hand zu öffnen. Da das alte Türschloss nicht mehr richtig schloss, trat er die Tür kurzerhand einfach auf. Im Vorbeirennen schlug er mit der flachen Hand auf den Lichtschalter und nahm drei Treppenstufen gleichzeitig. Hinter ihm wurde es ruhig.
Als er unten ankam, erwartete ihn die nächste böse Überraschung. Erst letzte Woche hatten sie sich neue Küchenstühle gekauft und die alten Eichenstühle von Oma Bella, die schon wackelig und schäbig waren, in den Keller gestellt. Und einer dieser Stühle stand nun vor ihm. Er kam auf Michael zugehüpft und attackierte ihn mit der Lehne. Mit einem gezielten Tritt beförderte Michael den Stuhl in die hinterste Ecke und konnte mit einem Hechtsprung in den Heizkeller flüchten und die Tür zuschlagen. Hier war er erstmal in Sicherheit.
*
Seit gut einer halben Stunde hatte Michael nun nichts mehr von dem Ding gehört. Im Keller herrschte Totenstille. Michael fragte sich was dieses Ding nur von ihm wollte. „Anabell” hatte das Ding gerufen. Er überlegte, wen es wohl gemeint haben könnte. Er kannte nur eine Anabell. Und das war seine Großmutter Bella. Das konnte eigentlich nicht sein. Denn die war vor sieben Tagen in der Kirche an einem Schwächeanfall gestorben. In Ruhe und Frieden. Vor drei Monaten hatte sie noch ihren fünfundneunzigsten Geburtstag gefeiert. War bis zu ihrem Tod immer erstaunlich fit und fidel gewesen. Jeder der sie das erste Mal sah, hätte sie auf höchstens fünfundsechzig Jahre geschätzt. Es war immer eine Freude für ihn, sich mit Bella zu unterhalten. Sie war klug und weise. Nachdem seine Eltern starben, als er neunzehn Jahre alt war, blieb ihm nur noch Bella als einzige Verwandte. Sie hatte sich von da an um ihn gekümmert. Ja, auf Bella konnte er sich immer verlassen. Sie war immer für ihn da, hatte ihm in jeder Not geholfen und das war bei seinem wilden Lebenswandel des Öfteren nötig gewesen.
Michael fiel noch eine Gemeinsamkeit auf: Alle Möbel, die das Ding beseelt hatte, gehörten einst Bella. Als Sabine damals mit Laura schwanger ging, hatte Bella ihnen angeboten das Haus zu übernehmen. Sie war zu dieser Zeit achtzig geworden und der Meinung, dass eine alte Dame wie sie nicht mehr ein so großes Haus benötigte. Sie ließ keinen Widerspruch zu und mietete sich kurzerhand eine kleine Wohnung im Stadtkern. Das wäre für sie besser so, argumentierte sie, weil ihre Freundinnen alle in der Nähe wohnten und das Café, in dem sie sich stets trafen, nicht weit entfernt lag. Das war eben Bella: Wenn sie einen Entschluss gefasst hatte, war sie davon nicht mehr abzuhalten. Sie hinterließ das Haus mit allem was drinstand, eben auch diesen Möbeln, die ihm und seiner Familie so zugesetzt hatten.
Ein schauriges Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Etwas kratzte von außen an der Stahltür. Es hörte sich widerlich an und trieb Michael eine Gänsehaut über den Rücken.
„Menschlein.” hörte er das Ding locken. „Menschlein, wann willst du da endlich wieder rauskommen. Es gibt so oder so kein Entkommen für dich.”
„Was willst du eigentlich von uns? Warum lässt du uns nicht in Ruhe?” fragte Michael ruhig. Es hatte keinen Zweck sich aufzuregen oder zu fürchten. Das Ding würde sich nur daran laben und den Spaß wollte er ihm nicht gönnen.
„Ich will meine Bezahlung!” schrie das Ding erbost. „Sie steht mir zu. Ich habe meinen Vertrag erfüllt!”
„Was gehen mich deine scheiß Verträge an? Ich hab keinen mit dir geschlossen.”
„Du persönlich vielleicht nicht, aber dieses verlogene Dreckstück Bella hat einen Vertrag mit mir und heute ist ZAHLTAG!”
„Da kommst du aber eine ganze Woche zu spät.” Michael lachte.
„Verhöhne mich nicht du schleimiger Klumpen Zellmatsch. Ihr Menschen seid das Überheblichste, was dieses Universum je gesehen hat. Ich frage mich nur, was den Alten da geritten hat, als er euch Matschepampe zusammengepanscht hat. Ich will meine Bezahlung und ich werde sie bekommen. Da Anabell sich aus der Verantwortung gestohlen hat, wirst du meine Bezahlung sein.”
„Warum hast du dir dann deine Bezahlung nicht schon längst geholt? Chancen hattest du doch genug. Aber vielleicht bist du ja gar nicht wirklich so mächtig. Vielleicht ist dir die Matschepampe ja überlegen? Hast du nicht mehr drauf, als Schränke zu beseelen und wehrlose Frauen und Kinder durch den Flur zu scheuchen?”
„Pah! Ihr seid doch nur zweite Wahl! Ich könnte auf der Stelle zu dir hineinkommen und dich in tausend Stücke reißen. Kleine schleimige Made! Anabell will ich haben! Ihr lebt nur noch aus einem Grund: Du wirst mir Anabell verschaffen.”
„Sie ist tot. Hast du das vergessen?”
„Ach Menschlein.” das Ding kicherte hämisch. „Du bist einfach zu niedrig, um den Tod zu verstehen. Was DU für tot hältst, ist für MICH noch lebendig genug.”
„Und wenn ich mich weigere?”
„Dann werden deine Kinder, die ebenfalls Nachkommen von Anabell sind, die Reise mit mir antreten. Und diese Reise wird blutig und schmerzhaft sein.” prophezeite das Ding und dann lachte es abfällig, laut und lange.
Michael gefror das Blut in den Adern. An Sabine und die Kinder hatte er gar nicht mehr gedacht. Was, wenn das Ding die Wahrheit sagte, wenn es wirklich nur mit ihnen gespielt hatte, um ihnen Angst zu machen, seinen Spaß dabei zu haben und um ihn gefügig zu machen? Das Mistvieh war schlau, es wusste ganz genau was es wollte und wie es seine Ziele erreichen konnte. Er saß in der Falle und das wusste das Ding auch. Er hatte keine andere Wahl, als auf die Forderungen einzugehen. Wenn es sein musste, dann würde er sein Leben für das seiner Kinder opfern. Da bestand überhaupt kein Zweifel für ihn. Doch einen Vorteil hatte Michael: Er konnte etwas, was das Ding nicht konnte. Er konnte Bella beschaffen. Wie und warum? Das wollte er aus dem Ding noch herauskitzeln.
„Warum holst du dir Anabell nicht selber?” fragte Michael, nachdem das Lachen verstummt war.
„Menschlein, da merkt man deine Rückständigkeit.” sagte das Ding in gespieltem Mitleidston. „Hast du dich nie gefragt, warum deine Großmutter trotz ihres hohen Alters niemals krank war? Oder woher ihr Wohlstand kam?”
„Sie hat gesund gelebt und einen reichen Mann geheiratet.” entgegnete Michael, der sich darüber tatsächlich niemals Gedanken gemacht hatte. Das Ding lachte lauthals. Es war äußerst belustigt über Michaels Worte.
„Ist das so? Ja? Hat sie dir das so erzählt?” Es musste eine obligatorische Frage gewesen sein, denn es wartete erst gar nicht Michaels Antwort ab, sondern redete gleich weiter. „Dann werde ich dir mal erzählen, wie es wirklich gewesen ist: Heute auf den Tag genau vor fünfundsechzig Jahren, erreichte mich der Ruf eines Rituals. Eine junge Frau, gerade mal dreißig Jahre alt, hatte in den Ruinen eines ausgebombten Hauses nach etwas Brauchbarem gesucht. Viele meiner Brüder und Schwestern waren dieser Tage auf Erden. Es waren fette Jahre für uns. Lange war es her, dass der Mensch selbst für soviel fette Beute sorgte. Es war Krieg und die Dämonen des Todes und der Leiden wandelten umher. Diese junge Frau, dreimal darfst du raten wer das war,” es kicherte hämisch, „fand in den Ruinen aber nichts was sie gebrauchen konnte, bis sie auf ein Buch stieß. Es war ein altes Buch, schön und mächtig. Einer meiner glühendsten Anhänger hatte es vor langer Zeit geschrieben. Er dient mir noch heute.” Es hielt einen Moment inne, und schien in Erinnerungen zu schwelgen. „Sie war hungrig, hatte bis auf die Kleider die sie trug, nichts mehr. Alles, Verwandte, Eltern, Haus und Hof, hatte sie verloren. Doch als sie das Buch fand, sah sie ihre Chance, den Gräueln zu entfliehen, einen Vorteil aus dem Fund zu ziehen. Als ich ihr erschien, forderte sie Gesundheit, ein langes Leben und Wohlstand von mir. Ich war belustigt. Alle die mich je anriefen hatten Gesundheit und ein langes Leben gefordert. Doch niemals Wohlstand, immer nur Reichtum. Sie war nicht raffgierig. Das hatte mir sogar etwas imponiert. Ich bot ihr deshalb von diesem Tage an garantierte fünfundsechzig Lebensjahre, niemals zu erkranken und ein glückliches Händchen für Geschäfte. Ihr Preis dafür war, mir ihre Seele zu versprechen. Ich konnte ihr ansehen, wie sie mit sich selber kämpfte, sie hatte schließlich einen hohen Preis zu zahlen. Wer möchte schon nach seinem Tod in der Hölle den Dämonen dienen? Doch letztendlich willigte sie ein. Von dem Tag an wurde sie nie wieder krank. Sie heiratete kurz darauf einen Geschäftsmann. Doch der war alles andere als reich. Erst die Geschäfte deiner Großmutter machten sie zu reichen Leuten. Du siehst, ich habe meinen Vertrag eingehalten. Nun sind die fünfundsechzig Jahre um und ich will endlich meinen Lohn für meine Mühen!!”
„Wie konnte sie denn sterben, wenn du ihr ein Leben bis zum heutigen Tage garantiert hast?” Michael war neugierig geworden, suchte nach einem Ausweg. Einer Chance, nicht nur seine Familie und sich, sondern auch Bella noch retten zu können. Das Ding schien in redseliger Laune zu sein.
„Um meine Versprechen einhalten zu können, belegte ich sie mit einem Zauber. Eine Aura, die sie schützte und die Menschen in ihrer Nähe blenden und beeinflussen konnte. So war es ihr möglich, jedes auch noch so dumme Geschäft zu ihrem Vorteil abzuschließen. Ich hatte sie davor gewarnt, jemals geheiligten Boden zu berühren. Denn dieser würde den Zauber aufheben und alle Krankheiten dieser Welt sowie ihr wirkliches Alter würden sie dann einholen und ihr einen qualvollen Tod bescheren. Und auch wenn ihr Körper in kürzester Zeit verrotten würde, müsste sie auf Ewig zwischen den Welten wandern und täglich zu der gleichen Zeit ihren qualvollen Tod aufs Neue erfahren. Von mir hätte sie einen schnellen und sanften Tod erhalten und wäre zu meiner Dienerin erhoben worden. Sie hat mich betrogen! Sie hat die Qualen des Todes vorgezogen. Doch die werden ihr im Vergleich zu dem was sie erwartet, wenn ich sie zwischen die Finger bekomme, wie sanftes Streicheln in Erinnerung sein.”
„Du hast mir meine erste Frage noch nicht beantwortet: Warum holst du sie dir nicht selber?”
„Ich bin ein Dämon, du dummes Stück Menschenvieh!” brauste das Ding auf. Michael hörte es schnaufen vor Wut. „Sie liegt in geweihter Erde und ich kann den Boden der verhassten Konkurrenz aus der zweiten Etage halt nicht betreten. Du wirst sie ausgraben und zu mir bringen. Du weißt was passiert, wenn du das nicht machst. Doch wenn du sie mir bringst, werde ich auf immer verschwinden und ihr könnt euer jämmerliches Leben zu Ende führen. Entscheide dich, jetzt.”
Michael blieb keine andere Wahl. Wollte er seine Kinder schützen, musste er auf das Angebot des Dämons eingehen. Vielleicht würde ihm unterwegs noch etwas einfallen.
„Wer garantiert mir, dass meiner Familie nichts passiert, wenn ich weg bin und dass du verschwindest, wenn du hast, was du willst.”
„Mein Wort muss dir reichen. Du hast doch erfahren, dass ich auch bei Anabell mein Wort gehalten habe. Dir wird nichts anderes übrig bleiben.” sagte der Dämon ruhig.
Michael sah ein das der Dämon recht hatte: Es blieb ihm nichts anderes übrig.
„Okay, ich gehe auf deinen Vorschlag ein. Ich werde Anabell ausgraben und zu dir bringen, aber dann verschwindest du auf immer.”
„Du hast mein Wort.”
„Gut, dann komm ich jetzt raus. Ich verlass mich auf dein Wort.”
„Aber versuche ja nicht mich zu betrügen, wie deine Großmutter es getan hat. Meine Rache an dir wäre fürchterlich.” knurrte der Dämon.
„Nein, ich werde tun, was vereinbart ist.”
Dann stand er auf und ging zögerlich zur Tür. Er hatte Angst vor dem, was ihm hinter der Tür erwarten könnte. Mit zittrigen Händen schloss er die Tür auf und öffnete sie. Was er dann zu sehen bekam, überstieg alles, was er sich jemals hätte vorstellen können.
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Als Michael die kleine Kirche betrat, die sich auf dem gleichen Gelände wie der Friedhof befand, schauderte ihm immer noch vor dem Anblick des Dämons. Er hatte sich nun in seiner wahren Gestalt gezeigt und sah aus wie eine Mischung aus Krabbentier, Insekt und Mensch. Sechs Beine hatte er und den Unterkörper einer Krabbe, der in einem kräftigen Rot leuchtete. Der Oberkörper, in der Form eines Fluginsektes, war gepanzert und schimmerte bläulich-schwarz. An der Stelle, an der Unterkörper und Oberkörper ineinander übergingen, wuchsen dem Getier zwei mächtige Fangarme. Sie hatten die gleiche Form wie seine Beine: riesige, dicke Speere, die in der Mitte ein Gelenk besaßen. Nach vorne hin verdickten sie sich und ähnelten in ihrer Form der Klinge einer Sense. Damit war das Ding sicherlich in der Lage, auch die dickste Panzerung eines Opfers zu durchschlagen und es mühelos aufzuspießen. Die Arme und der Kopf waren menschenähnlich, schwarz und dicht behaart. Es trug langes schwarzes Kopfhaar, das zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden war. Tiefschwarze Augen, so dunkel wie zwei Stück Kohle in dem hässlichsten Gesicht in das er je geblickt hatte, funkelten ihm entgegen als er die Tür öffnete und diesem Monstrum entgegentrat. Bei Michaels Anblick fing es an zu lachen und zeigte eine Reihe abgebrochener, scharfer, verfaulter und schwarzer Zähne. Dieses unheilige Gebilde war das Verabscheuungswürdigste, was er in seinem Leben gesehen hatte. Michael hatte den Dämon gefragt, wie er denn am hellichten Tage seine tote Großmutter ausgraben solle, ohne dabei entdeckt und gleich eingesperrt zu werden. Doch das war dem Dämon ganz gleich. Er hatte ihm bis Mitternacht Zeit gegeben seinen Auftrag zu erfüllen und ihn noch mal daran erinnert was ihm und seiner Familie zustoßen würde, hätte er vor, ihn zu betrügen. Als Michael, mit Schaufel und Spitzhacke geschultert, durch die Wohnungstür schritt, konnte er das Leuchten und Knistern wieder vernehmen, doch diesmal hatte er keine Mühen, die Barriere zu durchqueren. Dann lud er das Werkzeug in seinen alten Opel und fuhr los.
Nun stand er in der alten kleinen Kirche und wusste nicht so recht, was er tun sollte. Niemand war anwesend. Dieser ruhige Ort, mit seinen bunten Glasfenstern, der hohen Decke und der majestätischen Stille, verströmte eine Atmosphäre des Friedens, wie man sie nur in einer Kirche spüren kann. Er wollte diese Ruhe nach all der Aufregung einen Moment genießen. Gleich rechts vor dem Altar war ein Metallregal aufgestellt, auf dem eine große Anzahl Kerzen brannte. Nachdem auch er eine angezündet hatte, setzte er sich in die vorderste Reihe und sprach ein leises Gebet für seine Familie. Hoffentlich hatte er keinen Fehler begangen, als er sie mit dieser unsäglich abstoßenden und bösen Kreatur alleine gelassen hatte. Eigentlich war Michael ja kein religiöser Mensch, das letzte Mal hatte er in seiner Kindheit gebetet, mit Oma Bella vor dem Schlafengehen. Es kam ihm seltsam vor, dass eine Frau, die einen Pakt mit einem Dämon schloss und nicht die Kirche besuchen durfte, doch so gottgläubig war, jeden Abend betete und zu ihrem Glauben stand. Aber Bella war schon immer irgendwie anders. Diesmal betete Michael aber aus vollem Herzen und dem tiefen Bedürfnis, zu Gott zu sprechen und um Schutz für seine Familie und sich zu bitten. Das Gebet tat seine Wirkung. Es ging ihm gleich viel besser. Der Druck und die große Angst waren etwas gemildert und er hatte nun den Kopf frei, sich Gedanken darüber zu machen, wie er aus der prekären Situation alle Beteiligten mit heiler Haut wieder herausbekommen könnte. Doch so sehr er auch nachdachte, er kam zu keiner Lösung. Schließlich hatte er keinerlei Erfahrungen mit Dingen solcher Art. Er wusste nicht, wie er dem Dämon überhaupt Schaden zufügen konnte. Und dann war da noch ein Problem: Bella hatte testamentarisch veranlasst, dass bei ihrer Beisetzung niemand erscheinen darf. Sie hatte ihm alle ihre irdischen Güter vermacht. Das Bargeld, das sie auf dem Konto hatte und das, nebenbei erwähnt, nicht gerade wenig war, hatte sie zur Hälfte ihm und zur anderen Hälfte der Kirche gespendet, in der er gerade saß. Das alles hatte er über ihren Anwalt erfahren. Aber wann und wo sie beigesetzt werden sollte, das wusste selbst der Anwalt nicht, und Pfarrer Lehman, der die Gemeinde leitete und mit der Beisetzung Bellas beauftragt war, hatte auf seine Schweigepflicht verwiesen. Er durfte Michael nichts sagen. Bella war immer offen und ehrlich zu ihm gewesen, deshalb verstand er nun überhaupt nicht, was diese Geheimniskrämerei zu bedeuten hatte. Er wusste gar nicht, wo er Bella überhaupt suchen sollte.
Irgendwo hinter der Kanzel öffnete jemand eine Tür und riss Michael aus seinen Gedanken. Pfarrer Lehman erschien in Jeans, kariertem Flanellhemd und abgetragenen Schuhen. Er war ein hochgewachsener schlanker und drahtiger Mann von Ende dreißig. Michael kannte ihn schon von Kindertagen an. Sie hatten die gleiche Schule besucht, auch wenn Sebastian Lehman zwei Klassen weiter war als er, und sind in der gleichen kleinen Stadt aufgewachsen.
„Ach Michael, da bist du ja.” begrüßte er ihn erfreut und setzte sich neben ihn. „Ich habe schon die ganze Zeit auf dich gewartet.”
„Auf mich gewartet?” fragte Michael sichtlich überrascht. „Ich verstehe nicht ganz.”
„Bella hat mir gesagt, dass ich dich an diesem Tage hier wohl antreffen werde.”
„Bella???” Michael war fassungslos. „Bella hat dir das gesagt? Sebastian, würdest du mir nun endlich mal sagen, was das alles zu bedeuten hat? Meine Großmutter stirbt in deiner Kirche, ich darf nicht an ihrem Begräbnis teilnehmen und du versteifst dich auf deine Schweigepflicht.”
„Das liegt daran, dass sie noch gar nicht begraben wurde.” Sebastian sah Michaels fassungslosen Gesichtsausdruck. „Komm, wir gehen ins Pfarrhaus, meine Haushälterin kocht uns einen Kaffee und dann erklär ich dir alles.”
*
Pfarrer Lehman und Michael saßen in dem gemütlichen kleinen Pfarrhaus zusammen in der Küche auf der Eckbank, tranken den hervorragend guten Kaffe der Haushälterin und Sebastian erklärte ihm, dass er und Bella schon Kontakt zueinander hatten, seitdem er seine Stelle als Gemeindepfarrer angetreten hatte. Anfangs hatte er sich doch sehr darüber gewundert, dass Bella nie in seiner Kirche erschien, doch er war taktvoll genug gewesen, sie nicht darauf anzusprechen. Irgendwann hatte er es doch getan, doch Bella erklärte ihm, dass er es zum gegebenen Zeitpunkt erfahren werde. Sebastian hatte sie die letzten Jahre regelmäßig besucht. Sie hatten zusammen geschwatzt und gebetet. Über die Jahre sind sie gute Freunde geworden. Doch sie hatte niemals auch nur einen Fuß in seine Kirche gesetzt. Sebastian lobte Bella sehr und hatte große Hochachtung vor ihr. Mit ihrem vielen Geld hatte sie sich für die Schwachen der Gesellschaft eingesetzt, hatte gespendet, auf eigene Rechnung Essen gekocht und verteilt. Es war ihr Verdienst gewesen, das denjenigen, denen es am schlechtesten ging, soviel Gutes widerfuhr. Dann, vor zwei Wochen rief sie ihn zu sich. Sie hörte sich, entgegen ihrer sonst so fröhlichen und unbekümmerten Art, ernst und gefasst an. Sie erzählte von den schlimmen Jahren des Krieges, von dem Hunger und dem Leid, das sie erfahren musste, und von dem Geschäft mit dem Dämon, auf das sie sich in ihrer Verzweiflung und ihrem jugendlichem Leichtsinn einließ. Endlich erfuhr Sebastian, dass es ihren Tod bedeutet hätte, wäre sie in seine Kirche gekommen. Als sie bemerkte, was sie alles hatte aufgeben müssen, um satt und gesund zu sein, bereute sie ihre Tat. Doch sie musste nun all die Jahre damit leben. Das war die Strafe für ihren Frevel, ein Geschäft mit dem Teufel gemacht und ihm seine Seele verkauft zu haben; das allerheiligste Gut eines Menschen. Sie führte ein Leben mit und für Gott, ohne jedoch sein Haus betreten zu dürfen. Und dann erklärte sie ihm ihren Plan: Sie wollte in der Kirche sterben, die Möglichkeit haben, ihre Tat vor Gott zu bereuen und um Vergebung zu bitten. Der Dämon würde keine Chance haben, ihre Seele zu fangen, solange sie in der Kirche war und sie könnte endlich zu ihrem Gott finden.
„Und dann kam der Tag. Als sie ihren Fuß über die Schwelle der Kirchtür setzte, begann ein Alterungsprozess, den ich in solch einer Geschwindigkeit noch nie gesehen habe. Man konnte zusehen wie ihr Körper ausmergelte, sich tiefe Furchen durch ihr Gesicht zogen und ihre Haut grau wie Asche wurde, mit jedem Schritt, dem sie dem Altar näher kam. Doch trotz der Schmerzen und der Pein die ihr Gesicht zeichneten, konnte ich eine nie gesehene Glückseligkeit erkennen. Sie leuchtete in ihren Augen. Fast fünfundsechzig Jahre hatte sie auf diesen einen Moment gewartet. Mit jedem Schritt erlosch das Leben ein Stück mehr in ihr und als sie am Altar ankam, wo ich auf sie warten sollte, war sie nicht mehr als ein Schatten ihrer selbst. Sie fiel mir entgegen. Ich konnte sie gerade eben noch auffangen. Sie war immer eine gesunde und gut genährte Person. Doch da war sie leicht wie ein kleines Kind.” Sebastian machte eine Pause. Er wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Auge. Dieser Augenblick schien ihn schwer mitgenommen zu haben. Michael hatte Fragen, doch er wollte sie nicht stellen, wollte Sebastian die Zeit geben, sich zu fangen und seinen Bericht fortzusetzen. Sebastian trank einen Schluck Kaffee und fuhr fort. Er erzählte, dass sie ihm eine Beichte ihres Frevels vor Gott ablegte, dass sie um Vergebung bat und dass er ihr den heiligen Segen spendete. Als er Bella mit geweihtem Wasser ein Kreuz auf die Stirn zeichnete, lächelte sie, bedankte sich bei ihm und als sie mit vor Freude glänzenden Augen ihren letzten Atemzug tat, sah sie aus wie eine Mumie, die tausend Jahre in einem dunklen Grab geschlummert hatte.
Michael war fassungslos. Wenn sein Freund ihm gegenüber nicht ein Geistlicher gewesen wäre, so hätte er ihn wahrscheinlich ausgelacht. Er war entsetzt und schockiert darüber, was seiner Großmutter, die er so liebte, widerfahren war. Er versuchte seine Tränen zu unterdrücken. Doch als sich Sebastian, der Michaels Gefühle erkannte, neben ihn setzte und ihn in den Arm nahm, ließ er seinen Tränen freien Lauf. Und so saßen die beiden minutenlang nebeneinander, weinten still und trauerten.
„Bella wusste genau, was auf sie zukommen würde. Sie gab mir Instruktionen was nun zu tun sei.”
„Was für Instruktionen?” fragte Michael mit brüchiger Stimme.
„Ich sollte ihren Körper verbrennen und ihre Asche und die Urne segnen. Ich durfte dir nichts davon erzählen. Der Dämon hätte es herausbekommen. Er hätte gewusst, das Bella auf Ewig vor ihm sicher gewesen wäre, zwischen Himmel und Erde gefangen, und hätte euch alle kaltblütig ermordet. Sie bat mich ihre Urne mit ihren Überresten nicht zu vergraben und sie dir auszuhändigen wenn du erscheinst. Warte mal einen Moment bitte.” Dann stand er auf und ging aus dem Raum. Es dauerte nicht lange und er kam mit einem metallischen Gefäß in der Hand wieder ins Zimmer.
„Ist sie das?” fragte Michael traurig.
„Ja, das ist sie. Sie bat mich, ein Gefäß für sie zu finden, das so schlicht wie möglich sein sollte. Du weißt ja, sie mochte keinen Prunk. Viele Menschen sind sogar noch über ihren Tod hinaus eitel. Aber nicht Bella.” Er stellte das Gefäß vor Michael auf den Tisch. Es war ein bauchiges Gefäß aus dunklem, fast schwarzem Metall, das mit einer Kappe ohne Gewinde locker verschlossen war. Ein Papierstreifen klebte auf der Kappe, damit sie sich nicht lösen konnte. Michael strich zaghaft mit den Fingern darüber, wobei ihm wieder die Tränen kamen.
„Es ist aus einfachem Eisen. Ich habe es an dem Tag anfertigen lassen, an dem Bella mir ihre Absichten erklärte. Du sollst es mitnehmen und machen, was der Dämon von dir verlangt. Sie sagte, dass du keine Angst zu haben brauchst.” Dann bot er sich an, ihn zu begleiten. Doch Michael lehnte ab. Er wollte Sebastian nicht auch noch in die Sache hineinziehen. Er bedankte sich bei Sebastian für den Dienst, den er seiner Großmutter erwiesen hatte, drückte ihn zum Abschied ganz herzlich an sich und machte sich dann mit der Urne in seinem Arm auf den Weg nach Hause, dem Dämon sein Opfer zu bringen und seine Familie auszulösen.
*
Als Michael den Kellerraum betrat, wartete der Dämon in einer Ecke des Raums hockend und sprang sofort auf seine sechs Beine, als er ihn erblickte.
„Stell sie in die Mitte des Raums.” befahl er ungeduldig. Michael tat wie ihm befohlen, stellte die Urne auf dem Boden und zog sich an die Kellerwand hinter sich zurück.
„Ich hab getan was du wolltest. Jetzt verschwinde in das Höllenloch aus dem du gekrochen bist.”
„Mal ganz langsam Madenkotze.” knurrte der Dämon. „Du bist nicht in der Position, Anforderungen zu stellen, ODER MIR ANWEISUNGEN ZU GEBEN!!! Ich will mich erstmal davon überzeugen, dass du mich nicht auch betrogen hast.” Über seinen Erfolg hämisch grinsend krabbelte er auf die Urne zu. „Anabell, du verruchtes kleines Miststück. Hab ich dich nun doch noch bekommen? Na, wie gefällt es dir denn so in deiner Urne?” Das Grinsen in der Dämonenfratze wurde immer breiter und selbstgefälliger. Als er die Urne jedoch mit einem seiner Fangarme anstieß, entlud sich mit einem lauten Knall ein tagheller Blitz. Der Dämon schrie auf, wurde quer durch den Raum geschleudert und prallte mit einem lauten Krachen an die Wand. Noch etwas benommen wirkend kam er wieder auf seine Beine und funkelte Michael böse an.
„Ich wusste doch, dass auf eine Missgeburt aus Anabellas Familie kein Verlass ist! Was hast du nach Scheiße stinkende Kanaille mir da mitgebracht?!!”
„Das, was du haben wolltest: Anabells Überreste.” gab Michael gelassen zur Antwort.
„Aber was hast du damit gemacht, das ich die Urne nicht berühren kann?!” das Viech lief langsam rot an.
Bevor er antworten konnte, vernahm er ein leises und dumpf klingendes Kichern. Der Dämon schien es auch gehört zu haben, nach seinem verwirrten Gesichtsausdruck zu urteilen. Das Kichern, das nun zweifelsfrei aus der Urne zu kommen schien, wurde immer lauter, bis es ein lautes belustigtes Lachen wurde. Gleichzeitig fing die Urne an zu vibrieren und zu wackeln, zu zittern und zu stampfen. Das Lachen verstummte und aus der Urne entwich ein Pfeifton wie von einem alten Wasserkessel. Das Pfeifen wurde immer lauter, die Urne tanzte immer wilder und plötzlich löste sich der Deckel der Urne und hob mit solch einer Geschwindigkeit ab, dass er mit einem lauten Knall in der Betondecke stecken blieb. Dann war es still. Der Dämon, der sich nun in gebührendem Abstand von der Urne aufhielt, schaute misstrauisch. Er war in einer Situation, die er weder einschätzen noch bestimmen konnte. Das gefiel ihm gar nicht.
„Komm endlich da raus, du garstige alte Hexe, damit wir es hinter uns bringen können und du endlich für das bezahlst, was Du erhalten hast!” schrie das Ding ungeduldig.
„Einen Moment noch.” kam es unbekümmert aus der Urne und Michael erkannte eindeutig Bellas Stimme. „Es ist viel zu dunkel für mich, du weißt doch, im Alter wollen die Augen nicht mehr so richtig sehen.” Dann kicherte sie wieder und aus der Urne fiel ein heller, silbrig-weiß leuchtender Lichtschein. Dann erhoben sich langsam sechs murmelgroße, ebenfalls silbrig-weiß leuchtende Kugeln aus dem Gefäß. Sie verharrten einen Moment lang schwebend in der Luft um dann pfeilschnell in alle Himmelsrichtungen durch den Raum zu zischen. Überall wo diese leuchtenden Kugeln auftrafen, zerplatzten sie mit einem leisen Ploppen, breiteten sich aus und verliefen in Schlieren wie silberglitzernde Farbe. Als diese seltsame Farbe die speerhaften Füße des Dämons erreichte, begann es zu zischen und zu qualmen, als hätte er seine Füße in kochende Salzsäure gesteckt. Mit einem lauten Aufschrei und einer schmerzverzogenen Fratze sprang er mit nur einem Satz auf einen der alten Stühle. Er hatte große Mühe alle sechs Beine auf die Sitzfläche zu bekommen und das Gleichgewicht zu halten. Er schrie vor Wut, tobte und fluchte und beschimpfte Bella aufs Fürchterlichste. Als der ganze Raum lückenlos mit der silbernen Substanz bedeckt war, strahlte er in einem übernatürlichen Glanze.
„So mein Lieber, nun ist alles nach meinem Geschmack. Jetzt werde ich herauskommen.” kam es wieder dumpf aus der Urne und ihr Tonfall erinnerte Michael eher an einen gemütlichen Kaffeeklatsch, als an diese Begegnung einer Toten mit einem Dämon. An der Öffnung der Urne erschienen zwei winzige, aschgraue und knorrige Hände, die an den Rand griffen und sich festhielten. Dann erschien ein ebenso aschgrauer Kopf, der wie die Blüte einer vertrockneten Sonnenblume aussah. Trotzdem konnte Michael Bellas Gesichtszüge erkennen, was wohl auch an den strahlend blauen Augen lag, die ihn, wie auch jetzt, immer freundlich und mit einer gewissen Portion an Schalkhaftigkeit entgegenstrahlten. Es folgte so etwas wie ein Körper, der aus nichts anderem bestand als einem langen dürren Stock, von dem schulterlos die ebenso dürren und zweigenhaften Arme abgingen. In der Gesamtheit sah diese Erscheinung tatsächlich einer vertrockneten Blume ähnlich.
„Bisschen staubig hier.” sagte sie und klopfte sich ihre Hände ab, wobei eine kleine Aschewolke entstand. Sie schaute zu Michael hinüber, knipste ihm mit einem Auge zu und sagte: „Keine Angst mein Junge, wird schon alles wieder gut.” Dann lächelte sie verschmitzt und wandte sich dem Dämon zu, der immer noch wackelig auf dem Stuhl ausharrte. „So mein lieber Herr Dämon. Nun können wir miteinander abrechnen. Was bin ich dir schuldig?”
„Deine Seele!” schrie das Ding. „Deine dreckige kleine arschpupsige Seele!”
„Wollen wir mal festhalten:” entgegnete Bella mit geschäftsträchtigem Ton. „Ich bin in all den Jahren nicht einmal krank geworden. Richtig?” der Dämon zog es vor ihr nicht zu antworten, „Ich habe Wohlstand erreicht. Auch richtig, oder?” der Dämon knurrte zur Antwort, „Aber,” sie holte tief Luft, „die fünfundsechzig Jahre konntest Du nicht einhalten.” hielt sie ihm in gespielten vorwurfsvollen Ton vor. „Ich bin dir also nichts schuldig, da du deinen Vertrag nicht einhalten konntest.”
„Du hast mich betrogen!” spie der Dämon Gift und Galle, „Du bist in die Kirche gegangen, obwohl ich dich davor gewarnt hatte!”
„Genau.” lobte Bella den Dämon, wie eine Lehrerin die einen Schüler für eine richtige Antwort lobt. Das machte den Dämon noch rasender und er zappelte wütend und unruhig auf dem Stuhl hin und her.
„Pass auf, dass du dir nicht deine zarten Füßchen verbrennst.” mahnte sie den zappelnden Dämon, der daraufhin schlagartig stillstand. Michael konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Es war eine wahre Freude mit anzusehen, wie seine alte Großmutter in der Form einer vertrockneten Blume den mächtigen Dämon in Schach hielt und sich über ihn lustig machte. Bei dem Anblick, den der Dämon nun bot, wäre sogar frische Milch schlagartig sauer geworden, so wütend war er.
„Du hast davon gesprochen, das ich in diesem Fall zwischen Himmel und Hölle verdammt sein würde,” fuhr sie in lieblichsüßem, erklärendem Ton fort, „aber davon, dass du dann noch ein Recht auf meine Seele hättest, oder dass meine Nachfahren für meine Fehler geradestehen müssen, hast du nichts erwähnt. Wie du siehst, bin ich dir nicht das Geringste schuldig.”
Der Dämon fing laut zu lachen an. Er wäre fast vom Stuhl gefallen und konnte sich gerade eben noch festhalten. „Glaubst du etwa, dass du so aus deinem Geschäft herauskommst?” wieder lachte er herzhaft, „Selbst wenn ich dich nicht mehr kriegen kann, so hole ich mir halt den Rest der Familie. Das steht mir zu, ich habe schließlich in dich investiert. Selbst der alte vertrottelte Tattergreis da oben, kann nichts dagegen tun.”
„Oh, wie gut dass du mich daran erinnerst.” konterte Bella freundlich, das Lachen des Dämons erstarb schlagartig und er schaute erstaunt und misstrauisch auf Bella. „Der alte Tattergreis, wie du meinen über alles gütigen Gott nennst, hat mir noch etwas mitgegeben, als ich vor ihm stand und um Verzeihung meiner Sünden bat.”
„Der Trottel hat dir doch wohl nicht deine Sünden vergeben?”
„Oh doch, in seiner unendlichen Güte hat er mir vergeben. Was glaubst du wohl, woher die schönen glitzernden Murmeln sind, die dich in diese lächerliche Position auf dem Stuhl gebracht hat?”
„Pah!” gab er nur verächtlich zur Antwort.
„Ich habe mein Leben nach ihm, seinen Gesetzen und seinen Lehren gerichtet. Ich war ihm immer nahe, auch wenn ich nicht in seinem Hause beten durfte. Auch der Pakt mit dir hat mich nicht davon abgehalten. Ich habe Gutes getan, meinen Mitmenschen geholfen und nicht an mich gedacht. Das einzige Mal, das ich in sträflicher Weise nur an mich selber dachte, war dieser dumme Vertrag mit dir. Gott hat mir vergeben. Und weil er mir vergeben hat, sind auch meine Nachkommen dir nichts schuldig. Und damit das so bleibt, hat er mir etwas mit auf den Weg gegeben.” Sie öffnete ihre linke Hand und vier weitere dieser leuchtenden Kugeln kamen zum Vorschein. „Schau mal, diese lustigen kleinen Murmeln sind der Garant dafür, dass meinen Lieben nichts zustößt.” Die Kugeln erhoben sich. Drei von ihnen zischten durch die Kellerdecke und waren verschwunden, die vierte jedoch zischte auf Michael zu und schlug auf seiner Brust auf. Doch sie platzte nicht, sondern verschwand in seinem Körper. Es tat nicht weh und Michael verspürte eine wohlige Wärme, die von innen heraus an die Oberfläche drängte und ihn mit einer schwachen, kaum wahrnehmbaren Aura umhüllte, die kurz darauf wieder erlosch.
„NEIN!!!” schrie das Biest und klammerte sich am Stuhl fest.
„Sie sind jetzt gesegnet.” sagte Bella im freundlichsten Ton. „Sie und alle ihre Nachkommen. Bis in alle Ewigkeit. Du würdest dir an ihnen genauso die Finger verbrennen, wie an mir. Und da ich ja ein freundlicher Mensch bin und immer auch an alle anderen denke, habe ich dir auch was mitgebracht.” Sie öffnete die rechte Hand. Wieder kam eine der leuchtenden Kugeln zum Vorschein.
„Du wirst doch wohl nicht.....aber Anabell, wir können doch noch mal darüber reden.....Anabell das ist nicht fair...” stammelte der Dämon und plötzlich war die Wut der nackten Angst gewichen.
Anabell lächelte. „Das ist ein Geschenk von dem ´alten vertrottelten Tattergreis da oben´.”
„Aber Anabell Schätzchen, du weißt doch, dass du mich damit nicht töten kannst.” säuselte er zuckersüß.
„Ich weis,” säuselte sie ebenso zuckersüß zurück, „aber es tut furchtbar weh und wird dich eine Weile aus dem Verkehr ziehen, bis du dich wieder manifestiert hast.” dann nahm sie die Hand herunter und die Kugel blieb in der Luft stehen. Dem Dämon stand die nackte Panik vor dem, was ihm gleich blühte, ins Gesicht geschrieben.
Dann schoss die Kugel nach vorne. Sie war zu schnell als dass der Dämon noch eine Chance gehabt hätte, ihr auszuweichen und traf ihn in der Mitte seines schwarzblau schimmernden Insektenkörpers. Sofort breitete sich die Substanz auf seinem Körper aus. Es zischte und brodelte und der Dämon schrie und fluchte. Dann konnte er sich nicht mehr auf dem Stuhl halten und fiel in voller Länge auf den Boden. Nun brodelte es wie in einer Hexenküche, übel riechende Rauchschwaden stiegen auf und der Dämon löste sich unter peinvollem Geschrei in seine Bestandteile auf. Erst fielen ihm seine sechs Beine mit einem schmatzenden Geräusch gleichzeitig vom Körper, dann die Arme und zuletzt der Kopf, der, auf dem Boden liegend, dampfend und zischend immer noch laut schrie und Bella die fürchterlichsten Flüche entgegenpfefferte. Doch aus dem Schreien und Fluchen wurde ein ersticktes Gurgeln als der Kopf sich fast vollständig in eine dampfende schleimige Brühe verwandelt hatte. Auch der Rest seines unseligen Körpers schmolz dahin wie Kerzenwachs im Höllenfeuer und nach einer kurzen Zeit war von dem Dämon nur noch eine Pfütze ekelerregender schwarzer zähflüssiger Masse übrig, die von der silbrig leuchtenden Substanz absorbiert wurde.
„Wen nennst du nun Matschepampe, he?” Michael zog die linke Augenbraue empor und konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. Schweigend schauten Anabell und er dabei zu, wie die Pfütze immer kleiner wurde und nach und nach im Boden zu versickern schien. In der Luft hing ein unangenehmer Geruch, der an verschmortes Plastik und vergammelte Essensreste erinnerte.
„So mein Junge, nun ist es endlich an der Zeit für mich zu gehen.” sagte Bella leise.
„Ich bin so froh, das ich mich nicht in dir getäuscht habe.” gestand Michael. „Als dieses Ding mir offenbarte, einen Vertrag mit dir geschlossen zu haben, war ich zuerst mächtig enttäuscht. Ich dachte, mich all die Jahre in dir getäuscht zu haben. Aber zum Glück habe ich mich darin getäuscht, mich in dir getäuscht zu haben.” Anabell musste lachen und Michael fiel in ihr Lachen mit ein, das immer ansteckend auf ihn und alle Menschen wirkte.
„Was wird jetzt mit dir geschehen?”
„Ich werde jetzt neben meinem Schöpfer Platz nehmen, bis in alle Ewigkeit.” erklärte sie gut gelaunt. „Da werde ich dann auf euch warten und ein Auge auf euch haben.” Das silberfarbene Leuchten verblasste langsam und Michael wurde klar, dass er sich nun endgültig von seiner Bella verabschieden musste.
„Was soll ich nun mit deiner Urne machen?”
„Bring sie zu Sebastian Lehman. Er soll sie in geweihter Erde begraben. Und diesmal möchte ich, nein ich bestehe sogar darauf, dass ihr dabei seid. Doch wehe, ich höre auch nur einziges Wort der Trauer. Fröhlich sollt ihr sein. Genau so fröhlich wie ich es nun bin. Alle Sorgen und alles Leid sind nun von mir genommen. All die Jahre voller Selbstvorwürfe sind vorbei. Ich bin nun mit Gott im reinen.” Das Licht verblasste zusehends, es wurde so dunkel, dass er Bella kaum noch sehen konnte.
„Ich würde dir noch gerne so viele Dinge sagen.” Michael konnte seine Tränen nur mit Mühe zurückhalten.
„Dann sag sie in deinen Gebeten zu Gott. Er hat einen automatischen Gebetsbeantworter den er regelmäßig abhört. Er wird’s dann an mich weiterleiten.” sagte die vertrocknete Blume lachend und sank in sich zusammen. Als das Licht gänzlich erloschen war und nur noch die kleine Glühlampe des Kellers ihr schwaches Licht verbreitete, war sie in ihrer Urne verschwunden.
„Pass gut auf dich auf.” kam es hohl und dumpf aus der Urne. „Ich hab dich lieb mein Junge.” dann war Bella endgültig verschwunden und mit einem Scheppern setzte die Kappe auf die Urne auf, die sich wie von Geisterhand selbst aus der Kellerdecke gelöst hatte.
„Ich hab dich auch lieb, Omi.” schluchzte Michael, nahm die Urne unter den Arm und machte sich auf den Weg, seine Familie aus dem Schlafzimmer zu befreien.
*
Drei Tage später war folgender Beitrag in der Lokalzeitung des Dorfes zu lesen:
Sonderbare Beerdigung
Gestern wurde unser Reporter zufällig Zeuge, der wohl verrücktesten Beerdigung, die unsere kleine Stadt jemals gesehen hat. Auf dem Kommunalfriedhof nahm eine große Schar der verschiedensten Menschen Abschied von unserer allseits beliebten Anabell Bertram. Anwesend waren Pfarrer Lehman, Frau Bertrams Enkel und Urenkel, sowie alle bekannten Landstreicher und Bewohner der sozialen Brennpunkte. Doch es wurde nicht getrauert, sondern gefeiert! Niemand vergoss eine einzige Träne. Als unser Reporter einen der Landstreicher fragte, warum denn alle über Anabell Bertrams Tod so fröhlich waren bekam er zur Antwort: „Sie hat endlich ihren Weg zu Gott gefunden.” Mehr war nicht herauszubekommen. Selbst Pfarrer Lehman lachte nur und sagte: „Kein Kommentar.” Dann zog die illustre Gesellschaft geschlossen ins Pfarrheim, wo sie bis spät in die Nacht feierte.
War Anabell Bertram vielleicht schwerkrank, dass sich alle Beteiligten so über ihren Tod freuten? Oder gar ein furchtbarer Tyrann im Verborgenen? Wir bleiben dran und werden natürlich exklusiv berichten, sobald wir etwas Neues erfahren.
© 2005 bei Dirk Sender
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