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Unerträgliche Hitze.
Schwüle Luft, hohe Ozonwerte.
Eine Hitzewelle hält ganz Deutschland im Griff.
Überall herrscht gedrückte und gereizte Stimmung. Vor allen bei den Menschen, die in schlecht klimatisierten Räumen ihre Arbeit verrichten müssen, während viele andere Menschen ihren Urlaub zuhause im Garten, oder in der Sonne auf den beliebten Ferieninseln verbringen, die sich mittlerweile schon fest in deutscher Hand befinden.
In einer Filiale der beliebtesten deutschen Supermarktkette herrscht Hochbetrieb. Zusätzlich zu den hohen Temperaturen und der schlechten Luft, ist Monatsanfang. Die meisten Bürger haben ihren Lohn aufs Konto bekommen und strömen überfallartig in den kleinen Supermarkt. Überall wird gegrummelt und gemeckert, da die Supermarktangestellten mit dem Nachfüllen der Regale kaum noch nachkommen. Lange Warteschlangen an den Kassen und übermütige Jugendliche, die sich an den Warteschlangen vorbeimogeln, um sich unverschämt an die Spitze der Schlange zu setzen, lassen die Laune der Kunden auf den Gefrierpunkt sinken.
Es liegt Spannung und der Geruch von verschwitzten, völlig überarbeiteten Angestellten in der Luft.
Just in dem Moment, als im Warenhausradio zu einer Werbung die Fanfarenklänge von „Also sprach Zarathustra“ ertönen, schwingt die elektronische Glastür auf und zwei Halbgötter in braun betreten die Heiligen Hallen des Konsums.
Heinz - genannt Hännes - und Elfriede Bierbein!!!
Ganz im braunen Ferienoutfit gekleidet.
Heinz trägt braune Kurzhosen über den knubbeligen Knien, braun-beige kariertes Hemd, dunkelbraune Socken zu dunkelbraunen Striemensandalen wie sie in den Sechzigern modern waren, dazu eine hellbraune Baseballkappe mit dem Aufdruck: „Ich Chef, Du nix“ und eine, vor dreißig Jahren moderne Sonnenbrille mit Hornrahmen, die sein Gesicht fast zur Gänze verdeckt.
Als weibliches Gegenstück dazu Elfriede, die sich lediglich in der Art der Kleidung, also Rock und Bluse, zu Heinz unterscheidet, aber in den gleichen Farben selbstverständlich. Ansonsten gleichen sie sich wie ein Ei dem anderen.
„So, Elfi. Wolln wa mal ordentlich einkaufen. Ma kucken, wat et hier zu holen gibt.“
„Jau, ma wieder den Kühlschrank auffüllen.“
Also holen sie sich einen Einkaufswagen und machen sich auf den Weg, das Geschäft zu erkunden.
Was für ein beschissener Tag, denkt sich Katrin. Die sonst so dynamische und kraftvolle junge blonde Frau ist fast am Ende ihrer Kräfte.
Seit Tagen diese Hitze und der Stress. Doch der heutige Tag setzt allem noch die Krone auf. Schon mehrfach ist sie heute angemault worden. Den Kunden geht es nicht schnell genug, keine Salami mehr in der Kühltheke, warum sind keine Tomaten mehr da, sie versperren mit ihrer dämlichen Palette den Weg und so weiter und so fort.
Ihre Energie ist fast auf dem Nullpunkt, nur mit Mühe kann sie ihre Arbeit erledigen.
Heute abend wird sie sich ein heißes Bad und danach ein gutes Abendessen gönnen, denkt sie sich und freut sich auf den Feierabend.
Ist ja nicht mehr lang hin, nur noch zwei Stunden und schlimmer als jetzt kann es nicht mehr kommen.
Sie hat den Gedanken kaum zu Ende gebracht, als sie eine Gänsehaut überkommt, und das Gefühl großer Gefahr und düsteren Unheils sie beschleicht.
Als sie sich umdreht erschreckt sie fürchterlich.
Vor ihr steht ein vertrockneter alter Mann, der ihr eine angefaulte Tomate vors Gesicht hält.
„Hörnse ma, könnense nichma dat faule Gemüse aussortieren? Et is ne Zumutung, dat dat ganze schimmelige Zeuchs hier inne Theke rumliecht. Kommse ma ausse Hüfte.“
Seine Stimme klingt wie die einer Krähe mit Keuchhusten und Raucherlunge, denkt sich Katrin und wird ziemlich sauer über die Worte des alten Mannes.
„Aber ich muss doch sehr bitten.“ gibt Katrin entrüstet zur Antwort.
„Nee, mich könnse um nix bitten, ich bin ein armer Rentner und hab nix zu verschenken, gehnse zum Sozialamt, wenn se nix zu beißen haben.“
„Für das Gemüse bin ich nicht zuständig. Sonst noch was?“ Katrin ist genervt und hält es für besser, auf die Beleidigungen des Alten nicht einzugehen.
„Sehnse nich den Schimmel hier auffe Tomate?“
„Natürlich, ich bin doch nicht blind.“
„Na wenn se nich blind sind, könnse ja nur blöd sein. Wissense denn nich, dat sich der Schimmel rasendschnell ausbreitet und dann auf dat andere Gemüse rüberspringt? Und wenn er sich ersmal dat Gemüse vorgenommen hatt, dann breitet er sich über den ganzen Laden aus und befällt allet, wat hier kreucht und fleucht.“
„Was wollen Sie eigentlich von mir?!“ fragt Katrin und wird weiß vor Wut über die Frechheit des Alten.
„Arbeiten se hier oder nich?“ fragt Heinz energisch.
„Das sehen Sie doch, oder? Ich bin halt für’s Obst und Gemüse nicht zuständig. Da müssen Sie sich an meine Kollegin halten. Doch die hat gerade Mittagspause und kommt erst in einer Viertelstunde wieder.“ antwortet Katrin ebenso energisch und widmet ihre Aufmerksamkeit wieder dem Regal, das sie gerade einräumt.
„Sie arbeiten hier und könn nichma verschimmeltes Obst aussortieren?“
Katrins Augen verengen sich und eine tiefe Zornesfalte entsteht auf ihrer Stirn. „Wollen Sie jetzt ernsthaft mit mir streiten? Ich hab den ganzen Tag geschuftet wie ein Tier, bin müde, durstig, hungrig und äußerst schlecht gelaunt. Na los schon, streiten sie ruhig mit mir!“ Katrins Augen funkeln böse und voller Mordlust.
„Elfi, lass uns gehn. Die olle is ne tickende Zeitbombe. Schnell, bevor die uns noch umbringt.“ sagt Heinz so laut und ängstlich wie möglich und geht hastig einen Schritt zurück.
Als Katrin bemerkt, wie sie argwöhnisch von den umherstehenden Kunden angesehen wird, lässt sie alles stehen und liegen und eilt fluchtartig zum Pausenraum. Noch einen Augenblick länger und ich hau’ den Alten kurz und klein, denkt sie sich.
„Imma dat gleiche mitti Hilfsarbeiter. Keine Arbeitsmoral mehr. Früha hätt datt sowatt nich gegeben.“ nörgelt Heinz lautstark und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen, während Elfriede empört den Kopf schüttelt.
An der Tiefkühltheke angekommen beugt sich Elfriede gerade über den Rand und greift nach einem Paket Hackfleisch.
„Bis du denn des Wahnsinns, Elfi.“ ruft Heinz aufgeregt.
„Watn los Hännes?“ fragt Elfi erschrocken und lässt das Hackfleisch wieder in die Kühltruhe fallen.
„Sachma, has du denn den Bericht letztens in Fernsehn vergessen? Da ham die gezeicht, dat die dat ganze vergammelte Fleisch wieder neu verpacken und dir als Frischware andrehn. Kuck ma auf dat Firmenschild. Um die Ganoven ging et da auch.“
Eine Kundin, die gerade ebenfalls Hackfleisch aus der Kühltruhe nahm, ließ das Paket panikartig, mit angeekeltem Gesichtsausdruck blitzschnell wieder fallen, als hätte sie gerade in einen Eimer voller stinkenden Eiter gefasst.
„Willsse uns etwa vagiften? fragt Heinz aufgebracht.
„Oh Hännes, dat tut mir jetz aber furchtbar leid. Dat hab ich ganz vergessen.“ sagt Elfriede kleinlaut und schaut betreten auf ihre Sandaletten.
„Wie gut, datte mich has. Sonst wärste schon längs an Salmonellen elendich verreckt, Elfi. Hättst dir die Seele ausm Leib gekotzt und geschissen.“
Die anderen Kunden, die umherstehen und die Unterhaltung verfolgt haben, kehren mit angewidertem Gesicht der Tiefkühltheke den Rücken.
„Und Elfi,“ setzt Heinz lautstark hinzu, „dat gilt auch für die Wurst hier. Verschimmeltet Obst und Gemüse und verdorbenet Fleisch. Dat is hier ne Bakterienfabrik, sach ich dir.“
Es dauerte keine zehn Sekunden und der Wurst- und Tiefkühlbereich war menschenleer.
„Kumma Heinz. Die verkaufen hier soga Fernseher.“
„Ja, ich weiß. Dat heist auf Neudeutsch Nonfood.“
„Nonwat?“
„Nonfoot.“ erwidert Heinz abfällig. „Heist soviel wie: nixzumessen. Dat kann ich auch selber sehen, dat ich n Ferneher nich essen kann.“
„Aba kuck ma aufn Preis, Heinz. Dat Ding is aber billich.“
„Wat glaubse wohl warum? Die Dinger sind so gebaut, datse genau einen Tach nach Ablauf der Garantie kaputt gehen. Allet billiger Scheiß. Dat wird irgendwo in Asien gebaut, wo die Leute nix zu fressen kriegen und so datterich mit die Hand bei der Arbeit sind, dat die Teile nach spätestens zwei Jahren auseinander fallen.“
„Die kriegen da nix zu essen in Asien? Vielleicht heist dat ja deswegen Nonfood.?“
„So hab ich dat noch gaanich gesehn, Elfi. Kann sein dat dat stimmt und die Geldbonzen damit dann ne Ausrede haben, wenn die ganze Kacke in dutt geht.“
Haben die Kunden in Heinz’ und Elfriedes Umgebung gerade eben noch angewidert an das Hackfleisch gedacht, so breitet sich nun ein verwirrter Ausdruck in ihren Gesichtern aus und so mancher, der schon nach einem Fernseher, Computer oder Drucker greifen wollte, lässt es dann doch lieber sein.
Trotz allem nörgeln, meckern und schlechtmachen haben die beiden doch noch das eine oder andere gefunden und stehen nun in der Schlange vor der Kasse.
„Kann da nichma einer noch ne Kasse aufmachen?“ ruft Heinz lautstark. „Ich hab mindestens zwei Herzinfarkte erlitten, bevor ich dran bin. Die halbe Stadt is hier an einkaufen und et is nur eine Kasse auf. Die Schlangen vor den Läden in den achtziger Jahren in Polen warn da ja soga kürzer!“
Eine junge Frau mit knallrot gefärbtem Irokesenhaarschnitt dreht sich genervt zu den beiden um.
„Mach ma nich son Wind Oppa. Sind doch nur drei Leute vor dir. Wirsse schon überleben. Und wenn nich, is dat auch kein Verlust für die Menschheit.“
„Hömma, du Pumukl für Sozialhilfeempfänger. Im Gegensatz zu dir linken Wischmop, bin ich mein Leben lang malochen gewesen, ich kann mir dat Nörgeln erlauben. Wat has du denn in deim Leben schon geschafft, außer dem Staat auffe Tasche zu liegn und dein Harz vier zu verprassen.“
„Nix Harz vier, du Zombie. Ich geh für meine Kohle arbeiten.“
„So wie du aussiehst, kann dat ja nur im Gruselkabinett oder inne Bankräuberbande sein. Du kanns dir ja nichma ordentliche Kleidung kaufn. Überall sind Löcher und Risse.“
„Dat is mein Look Grandpa. Du hast doch gaa keine Ahnung, wat stylish is. Kann doch nich jeder rumlaufen wie Kootie, der sprechende Köttel, man ... so wie ihr zwei Vogelscheuchen. Außerdem bin ich Altenpflegerin, Oppa.“
„Ha wie passend. Bestimmt im St. Nimmerlein, wo in letzter Zeit so verdächtich viele Menschen sterben. Bis wohl n Todesengel wa?“
„Nee, ich arbeite ganz woanders. Aber die Idee is nich schlecht. Wenn ich dich hunzlige alte Mumie so betrachte, kannet ja auch nich mehr allzu lang sein, bisse ins Heim komms. Und wenn Du mir da übern Wech läufs, werd ich dir mal demonstrieren, mit welch einfachen Mitteln man nen Herzinfarkt vortäuschen kann. Bei dir altem Sack würde dat eh keiner überprüfen. Und jetz halts Maul Oppa und pack dein Kram aufs Band, bis gleich dran und hasset sogar ohne Herzinfarkt überstanden. Schade aber auch.“
Kichern ist rundum zu hören und als Heinz sich umsieht, kann er genau die Leute verkniffen grinsen sehen, die er kurz zuvor mit seinen Geschichten über vergammeltes Fleisch und hungernde Asiaten verunsichert hatte.
Elfi packt ihre Einkäufe aufs Band und stellt sich mit ihrem Einkaufswagen hinter die Kasse um alles wieder in den Wagen zu packen, was die Kassiererin mit gelangweiltem Gesicht über den Scanner zieht, der bei jedem Teil zur Kontrolle fürchterlich laut piept.
„Geht einem dat Piepen nich auffe Nerven nache Zeit?“ fragt Heinz beiläufig.
„Man gewöhnt sich dran.“ gibt die gibt die Kassiererin gelangweilt zur Antwort.
„Kein Wunder, dat die hier alle nich normal sind.“
„Interessiert mich nich. Macht zwölf Euro fuffzich der Herr.“ sagt sie, während die Geldlade der Kasse aufspringt.
„Zahl ich nich.“ sagt Heinz trotzig.
„Wie, zahl ich nich?“ fragt die Kassiererin angesäuert, ob der plötzlichen Störung so kurz vorm Feierabend.
„Wat is los? Liecht dat am Schimmel inne Bude hier, oder hat ihnen die Kasse schon dat Hirn wechgepiept? Ich zahl dat nich. Seit kurzem erlaubt uns der Gesetzgeber, dat man in jeden Laden drinne feilschen darf. Ra-batt-ge-setz, sacht der Fachmann dazu. Noch nie wat von gehört, wa, nehm ich an?“
„Werden se mal nich frech Mann. Ich hab keine Befugnis, Ihnen Rabatt einzuräumen.“
„Irgendwie hat hier keiner Kompetenz zu irgendwatt. Gibbet hier nur vierhundert Euro Hilfsarbeiter? Wer hatt denn in dem Schuppen hier wat zu sagen?“
„Da müssen se sich an den Geschäftsführer halten.“ sagt die Kassiererin beleidigt.
„Ja dann ma schnell her mit dem.“
Die Kassiererin nimmt ein Mikrofon in die Hand und ruft schrill: „Herr Kleinmann, bitte zu Kasse eins!“ Dann wendet sie sich wieder Heinz zu und bittet: „So, der wird gleich kommen, jetzt gehnse bitte anne Seite, damit ich weiter kassieren kann. Sie sehn doch, dat die Schlange immer länger wird.“
Es dauert keine Minute lang und ein schlanker Mann ende Dreißig in feinem Zwirn mit Kittel und randloser Brille erscheint an der Kasse. Er spricht leise mit seiner Kassiererin, die mit dem Finger in Heinz und Elfriedes Richtung zeigt und mit der Hand eine wischende Bewegung vor ihrem Gesicht gestikuliert.
Er nickt und geht auf die beiden zu.
„Guten Tag meine Herrschaften, was kann ich für sie tun?“ fragt er geschäftsmäßig freundlich.
„Ich denke ihre Kassenfee hat et ihnen schon berichtet. Wir sind nich bereit, für die paar Sachen da, soviel Geld zu bezahlen.“
„Wenn sie nicht bezahlen wollen, dann müssen Sie die Einkäufe wieder zurücklegen.“
„Ich hab ja nich gesacht, dat ich garnix bezahlen will, ich hab gesacht, dat ich nich soviel dafür bezahlen will, wie se hier von mir verlangen.“
„Das sind nun halt mal unsere Preise mein Herr.“
„Und die sind mir nun halt mal zu hoch, mein Herr. Der Gesetzgeber hattet uns verarmte Konsumenten neuerdings erlaubt, umme Preise zu feilschen. Und genau dat will ich tun.“
„Unsere Waren sind von bester Qualität und die Preise dafür sind knallhart kalkuliert. Die momentane Marktsituation sorgt dafür, dass wir die die niedrigsten Preise seit langem anbieten. Da ist kein Spielraum mehr für Preisnachlässe.“ sagt der Herr Geschäftsführer geduldig.
„Ich fang gleich zum heulen an. Beide Einführung des Euros, habta doch nur dat DM-Zeichen gegen dat Euro-Zeichen eingetauscht und euch hundert Prozent Gewinn inne Tasche gesteckt. Und da wollense mir glaubhaft verkaufen, dat der arme Einzelhandel kein Gewinn mehr macht?“ ruft Heinz zornig.
„Das Statistische Bundesamt beweist, das genau diese Behauptung ein Ammenmärchen ist, mein Herr. Die so genannte Verteuerung durch die Einführung des Euros, ist nur eine Gefühlte, keine Beweisbare.“ erklärt der Geschäftsführer ärgerlich.
Langsam bildet sich eine Menschentraube um die drei, die aufmerksam das Gespräch verfolgt.
„Ich fühl nur Ärger, wenn ich son Quatsch hör. Nehmse doch ma zum Beispiel die Salatgurke. Zu DM-Zeiten hat die neunundneunzich Pfennich gekostet, heute zahl ich für son Hausfrauenökodildo neunundneunzich Cent. Und da fühl ich keine gefühlte Teuerung, sondern die leichte Leere meines Geldbeutels. Wenn der Schröder, diese vonne Wirtschaft bezahlte, VW fahrende Handelsmarionette, damals wie die meisten seine Arbeitskollegen ausm Ausland, die Preise eingefroren hätte, dann hättet ihr Heuschrecken uns nich so verarschen können. Denn dann hätt der Kunde, der ja Könich is, Zeit genuch gehabt zu merken, wat ihr für Abzocker seid.“
Zustimmendes Gemurmel ist aus der mittlerweile zur Menschenmasse angeschwollenen Traube zu hören.
„Das sind die Ammenmärchen, die von den linken Träumern immer so gerne unters Volk gebracht werden.“ entgegnet der Geschäftsführer und eine Zornesfalte bildet sich auf seiner Stirn.
„Ey Schlipsträger, ma ganz vorsichtich mit sonne Beleidigungen. Wa?“ meldet sich die junge Punkerin zu Wort.
„Das sind völlig haltlose Argumente.“ fährt der Geschäftsführer fort und ignoriert die Einmischung. „Schauen sie sich doch mal um, wie es in der Gesellschaft aussieht. Wir haben eine horrende Arbeitslosenquote, die Sozialkassen sind leer, der Aufbau Ost verschlingt Unsummen und die Konkurrenz aus den Billigländern treibt unsere Preise in den Keller. Ich wiederhole, dass die Preise noch nie so tief waren, wie zu der heutigen Zeit.“
„Klar.“ ruft Heinz belustigt aus. „Jetzt sindet die Arbeitslosen, die Ossies und die Polen die an allem Schuld sind. Sind et nich sonne Geldgeier wie der Ackermann, die trotz 5,3 Milliarden Gewinn tausende Leute entlassen? Oder wat is mitti ganzen Amis, die gutlaufende Werke wie dat Duschkoppwerk vom Grohe aufkaufen, den letzten Saft ausse Firma ziehn, den Laden anne Wand fahrn, damit die Rentner inne Staaten ihre Geldsäckel versilbern? Wenn ich dat Wort Väljuholding schon hör, kommt mich dat Kotzen. Großkonzerne machen hier die Buden dicht nachdemse die Subventionen vonne idiotischen Politiker abgezockt haben und verlagern ihre Werke nach Bulgarien oda sonst wo inne Welt und hier gehn die Arbeitsplätze in flöten. Und sie schieben et auf die armen Leute, die nix weiter als machtlose Opfer dieser Kuschelpolitik sind?“
„Und wenn ihr alten Säcke nicht noch alle Arbeitsplätze für die Jugend belegen und mit euren faulen Ärschen nicht dem Steuerzahler auf der Tasche liegen würdet, dann gäbe es auch weniger Arbeitslosigkeit und es würde uns allen besser gehen. Früher hat ein Rentner im Durchschnitt fünf bis zehn Jahre Geld aus der Rentenkasse gesaugt, heute ist das mehr als das Doppelte. Ihr lasst euch ja mit dem Sterben immer länger Zeit Mensch!“ schreit der Geschäftsführer mittlerweile in tiefrotem Zorn und Speicheltropfen zischen Heinz entgegen.
„Hey, machma den Oppa nich so fertich, Krawattenmann. Du steckst dir ne fette Gehaltserhöhung inne Tasche und der arme Rentner muss vonne Hand in Mund leben, weila eine Nullrunde nache andan hinnehmen muss und die fetten Bonzen ihre Kohle im Ausland verprassen!“ stellt sich die junge Frau mit dem Irokesenhaarschnitt laut aufgebracht hinter Heinz und Elfriede.
Nun ist er zu weit gegangen. Das ist dem Geschäftsführer selber klar. Er hat sich von diesem Fossil doch tatsächlich zu einer völlig unnötig gefühlsgeladenen Diskussion verleiten lassen. Als er in die Runde schaut, sieht er zornige, erboste und fassungslose Gesichter. Nun muss er die Karre irgendwie wieder aus dem Dreck ziehen.
„Es tut mir furchtbar leid mein Herr.“ entschuldigt er sich reumütig mit gesenktem Haupt. „Ich habe mich da zu etwas hinreißen lassen, was ich nicht gewollt habe. Sie bekommen Ihren Rabatt. Ich kann Ihnen fünfzehn Prozent anbieten.“
„Zwanzig.“
„Sechzehn.“
„Neunzehn.“
„Siebzehn. Und das ist mein letztes Wort.“
„Geht klar.“ stimmt Heinz breit grinsend zu.
„Frau Meier. Bitte ziehen sie dem Herrn siebzehn Prozent vom Kaufpreis ab. Ich ziehe mich besser zurück in mein Büro.“
„Klar Chef.“ bestätigt diese und grinst mindestens genau so breit wie Heinz.
Als der Herr Geschäftsführer sich umdreht und in sein Büro verschwinden will, sieht er vor sich eine Mauer aus Kunden entgegen stehen, die ihn mit entschlossenem Blick in die Augen schaut.
„Wenn der alte Herr einen Rabatt bekommen hat, wollen wir auch einen.“ fordert ein Kunde mit den Maßen eines Kleiderschrankes und dem zu widersprechen man nicht gerne bereit ist.
„Siehsse Elfi, mit die richtigen Argumente, bekommste imma dein Recht.“
„Ich hab schon gewusst dammals, warum ich dich geheiratet hab.“ sagt sie träumerisch und kneift ihrem Heinz in den Hintern.
Vergnügt verlassen sie den Supermarkt und hinterlassen einen am Boden zerstörten Geschäftsführer, der sich durch ein Knäuel aus Protesten in sein Büro zu flüchten versucht.
© 2006 bei Dirk Sender
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