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Dirk Sender
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Seltene Messer töten schlecht

Phillipe war ein alter Knochen. Daran gab es nichts zu rütteln. Und bei seinem stolzen Alter von vierundsiebzig Jahren konnte er mit Fug und Recht von sich behaupten, ein alter Knochen zu sein. Diese Tatsache allein fand er nicht besonders störend. Was er aber schlimm fand, waren die nicht immer so schönen Begleiterscheinungen des Alters. Die positiven wie Weisheit, innere Ruhe und Gelassenheit waren ihm sehr willkommen. Waren sie ihm doch in seinem Leben als Händler von Kuriositäten mehr als hilfreich gewesen. Es gab niemanden, der mehr über die Dinge, die er verkaufte, wusste, als Phillipe selbst. Und im Feilschen war er ein Weltmeister. Da machte er sogar einem türkischen Basarhändler noch etwas vor.
Aber es gab da auch die nicht so angenehmen Begleiterscheinungen. Er wurde langsam vergesslich, konnte von so etwas wie Kondition kaum noch reden und bei schlechtem Wetter, wie es gerade draußen herrschte, schmerzte ihm jedes Gelenk im Körper. Dann saß er hier in der guten Stube bei Kerzenlicht in seinem Schaukelstuhl am warmen Ofen, hing Pfeife rauchend seinen Gedanken nach, schaute dem Regen bei seiner reinigenden Tätigkeit zu und war froh, seine alten Knochen nicht mehr bewegen zu müssen. Ein Kunde fragte ihn einmal, warum er in seinem Alter nicht die Arbeit ruhen lasse und in die wohlverdiente Rente gehe. Darauf hatte Phillipe nur gelacht. Welch eine Vorstellung! Er führte seinen kleinen Antiquitätenhandel nun schon seit mehr als vierzig Jahren und etwas anderes als dieser Laden kam ihm nicht in den Sinn. Und was sollte er schon alleine machen? Seine Frau war schon vor zwanzig Jahren gestorben und die Vorstellung, ganz alleine vor sich hin zu verkalken, oder in einem Altersheim eine Metamorphose zum lebenden Toten zu durchleben, ließ ihm eine Gänsehaut auf seinem klapprigen Rücken wachsen. Nein. Für ihn gab es nur diese eine Vorstellung eines friedlichen Lebensabends. Solange in seinem kleinen Laden arbeiten, bis er entweder tot auf den Boden aufschlüge, oder in aller Ruhe in seinem Bett der immer hektischer werdenden Welt zu entschlummern. So und nicht anders.

Draußen tobte ein grollender Herbststurm. Phillipe sah gedankenverloren den Rinnsalen auf der blinden Fensterscheibe nach. In dicken Schlieren wuschen sie den Dreck der Straße von seinem Fenster. All den Ruß aus den Abgasen der Autos, den Schmutz der naheliegenden Fabrik und den besonders perfiden Dreck, den die Jugendlichen des Dorfes auf seinem Hinterhof aus ihren Gehirnen, ihren Mündern, ihren Mobiltelefonen, ihren Kleingeistern und sämtlichen ihrer verdorbenen Körperöffnungen hinterließen. So war er, der Regen - und mit ihm sein willkommener Begleiter, der Sturm. Er brachte immer zweierlei Dinge mit: das Leben und das Leiden. Das Leben war ihm willkommen, der Regen gab den Dingen Kraft und er wusch den Dreck vom Antlitz dieser schönen Erde. Er sorgte dafür, dass diese schmutzigen und verkommenen Junkies ihm mal nicht in den Hinterhof pissen konnten, sorgte dafür, dass all die ganze Scheiße, die sie hinterließen, wortwörtlich den Bach hinterfloss, der keine fünfzig Meter hinter seinem Haus vorbeifloss. Er verscheuchte die Menschen von der Straße und sorgte für eine angenehme Ruhe.
Aber er brachte auch Leid, Überschwemmungen, Not und Tod und zerstörte zahlreiche Häuser. So wie im letzten Herbst, als die junge Familie nicht mehr lebend aus ihrem Hause kam. Der gleiche kleine Fluss, der hinter seinem Haus vorbeifloss und der gerade ein paar Meter hinter ihrem kleinen Häuschen durch sein schmales Bett gurgelte, verwandelte sich des Nachts in einen reißenden Strom und nahm das kleine zweistöckige Häuschen bis zum Dachgiebel in seinen nassen Schoß. Phillipe dachte mit Bedauern daran. Er hatte die junge Familie gut gekannt und auch sehr gemocht. Der Mann, Mitte dreißig, war als Schreiner in der nahegelegenen Stadt tätig gewesen. Seine Frau - Phillipe schloss die Augen und konnte sie vor sich sehen - im gleichen Alter wie ihr Mann, blond, groß und von herrschaftlicher Statur und mit dem schönen Gesicht einer nordischen Gottheit, half im Dorfkrug als Kellnerin aus. Allein die Tatsache, dass sie dort kellnerte, ließ die Liebeswütigen des ganzen Ortes ins Gasthaus strömen. Und dann war da noch ihr kleiner Sohn, gerade einmal vier Jahre alt. Die blonden Haare der Mutter und die gleichen kohlrabenschwarzen Augen seines Vaters. Ein aufgeweckter kleiner Fratz, der ständig Fragen stellte. Phillipe kannte die Eltern des Jungen schon, als sie noch fleißig in die Windeln geschissen hatten. Sie lebten in einem Dorf. Da war das nichts Ungewöhnliches. Ebenso kannte er die kleinen Pisser, die ihm ständig in den Hinterhof urinierten, mit ihren piepsigen Handys ihre aggressive Hiphopmusik hörten und ihn auslachten, wenn er den Versuch unternahm, sie zu verscheuchen. Den kleinen Arschlöchern hätte er sofort den Tod an ihre kleinen dreckigen Ärsche gewünscht, die sie so stolz und provokant oberhalb ihrer sackähnlichen Hosen in der Gegend herumzeigten. Diesen Typen, die ihre Joints in seinen Blumenkästen ausdrückten und ihre blutigen Spritzen einfach vor seiner Hintertür entsorgten, hätte kaum einer nachgeweint.
Irgendwie traf es stets die Falschen!
Ein forderndes Miauen riss ihn aus seinen Gedanken. Vor ihm auf dem Boden saß sein einziger Gefährte und Vertrauter. Ein rotweißer Kater, der in Katzenjahren gerechnet sein eigenes Alter um ein Vielfaches übertraf und auf den schönen Namen Abdul hörte. Seit achtzehn Jahren leistete ihm das treue Tier nun schon Gesellschaft und Phillipe würde es nicht wundern, wenn der alte Mäusefänger ihn noch überleben würde. Er hatte zwar nicht mehr das Temperament eines jungen Kätzchens, eher würde er ihm das Gemüt eines Winterschlaf haltenden Braunbären zuschreiben, aber er war durch und durch gesund und vital. Und das freute den alten Phillipe sehr.
„Komm her mein Alter.“ grummelte Phillipe, klopfte mit der flachen Hand auf seinen Oberschenkel und legte die mittlerweile kalte Pfeife zur Seite. Der Kater ließ sich nicht lang bitten und war mit einem Satz auf Phillipes Schoß, wo er sich zufrieden schnurrend zusammenrollte und sich von dem Alten die Ohren kraulen ließ.
Ein Blitz, der schlagartig das gesamte Zimmer erhellte, warf für den Bruchteil einer Sekunde lange, fahle Schatten auf die Wand. Fast gleichzeitig ertönte ein Donner, der Phillipes alten Schaukelstuhl erzittern ließ und Abdul aufschreckte, der mit einem beherzten Sprung unter den Ofen flüchtete. Phillipe lachte.
„Da kann man mal sehen, wie beweglich du noch sein kannst, alter Fellbeutel. Aber das Gewitter muss verflucht nah sein, nicht einmal eine halbe Sekunde verging zwischen Blitz und Donner.“
Phillipe erhob sich ächzend und schlurfte zur Ecke neben dem Ofen, in der er sein Brennholz aufgeschichtet hatte. Das spärliche Licht der Kerze konnte die tintenfarbene Schwärze nicht aus der Ecke vertreiben, doch das war auch nicht notwendig. Phillipe wusste auch so, wo er sein Holz gestapelt hatte. Er legte zwei Scheite auf die Glut, die durch die geöffnete Ofentür den Raum in tiefrotes Licht tauchte. Er hatte gerade wieder in seinem Schaukelstuhl Platz genommen, als er zwei Schatten am Fenster wahrnahm, die sich schleichend zu seiner Hintertür bewegten. Phillipe wollte sich gerade erheben um nachzusehen, als ein schwerer Schlag durch den Raum schallte und die alte Tür zum Erzittern brachte. Dem ersten folgte ein zweiter Schlag, dann ein dritter, der die Tür regelrecht aufsprengte . Dann schoben sich die beiden Schatten langsam in den Raum. Phillipe saß regungslos in seinem Schaukelstuhl und war zu erschrocken, um handeln zu können.
„Scheiße.“ flüsterte eine weibliche Stimme aufgeregt. „Du hast doch gesagt, er ist um diese Zeit schon oben im Schlafzimmer.“
„Sei still.“ zischte der andere Schatten grob und es war eindeutig eine männliche Stimme. „Lass mich das machen.“
„Was soll das ganze?“ fragte Phillipe ruhig. Es kostete ihn zwar viel Mühe, die Ruhe zu bewahren, aber das war wieder einer der Vorteile seines Alters: Er wusste, dass es nichts brachte, in solch einer Situation aggressiv aufzutreten. Das würde die ganze Szene nur unberechenbar aufkochen lassen.
„Wir wollen dir nichts tun, Alter.“ sagte der männliche Schatten und Phillipe hörte die Aufregung des Sprechers in seiner zittrigen Stimme. „Wir wollen nur deine Kohle.“
„Ich heize mit Holz, wie du siehst.“
„Verarsch mich nicht, du alter Sack, rück einfach nur dein Geld raus, und du bist uns wieder los.“ knurrte der Schatten drohend und blieb in der Tür stehen.
„Es gibt hier bei einem alten Mann nichts zu holen und wenn ihr schlau seid, dann macht ihr euch wieder vom Hof. Noch steht ihr im Schatten und ich weiß nicht, wer ihr seid. So kann ich morgen lediglich eine Anzeige gegen Unbekannt erstatten.“ Phillipe hoffte darauf, dass die Einbrecher darauf eingingen, doch er befürchtete das Gegenteil.
„Quatsch kein Blech, Alter und gib mir deine Kohle freiwillig. Ich hab kein Problem damit, es mir auch gewaltsam zu holen.“ zischte der Schatten wütend zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.
„Aber...“ setzte die weibliche Stimme zu sprechen an.
„Halt die Schnauze“ keifte der Schatten, „und mach nur das, was ich dir sage.“
„Was für Probleme muss man haben, wenn man keine damit hat, einen alten Mann zu überfallen und ihm Gewalt anzudrohen?“ fragte Phillipe.
„Meine Probleme gehen dich einen Scheißdreck an, Alter. Rück endlich die Kohle raus.“ Phillipe konnte die steigende Nervosität in des Schattens Stimme vernehmen.
„Mal ganz ruhig. Ich hab dir doch gesagt, ich habe kein Geld. Hab heute Nachmittag das wenige, was ich verdiene, zur Bank gebracht. Aber vielleicht kann ich euch anders helfen. Habt ihr vielleicht Hunger?“
„Was quatscht du mich hier eigentlich voll, du alter Arsch? Und erzähl mir nicht, du würdest kein Geld verdienen. Der ganze alte Scheiß, den du verhökerst, ist doch richtig was wert. Du knöpfst den Leuten doch eine Menge Kohle für alten Kackschrott ab und nun sieh zu, dass was rüberkommt. Auf deine Almosen können wir verzichten. Wir brauchen nichts zu fressen. Vor allem nicht von dir. Und hör auf, mich vollzusülzen.“
„Ich versuche lediglich, an das Gute im Menschen zu appellieren“ entgegnete Phillipe, „und ich hab im Leben immer gut damit gehandelt.“
Der Schatten kam so zügig auf Phillipe zu, dass er kaum die Möglichkeit hatte, ihn richtig anzusehen. Das Einzige, das er plötzlich sah, war ein schwarzer Anorak, unter dem ein recht kräftiger Mann zu stecken schien, ein mit einer schwarzen Skimaske vermummtes Gesicht und die Mündung einer Pistole. Der Mann trug schwarze Lederhandschuhe und seine Kleidung war vom Regen ganz nass. Phillipe begann vor Angst das Herz zu rasen und lehnte sich tief in seinen Schaukelstuhl zurück. Jetzt hieß es Ruhe bewahren.
„Mal davon abgesehen, dass du mir da gerade eine Gaspistole entgegenhältst,“ sagte er ruhig und sprach damit auf den Dorn an, der im Lauf eindeutig zu sehen war und der das Abfeuern eines Geschosses verhindern sollte, „mit der man recht schwer einen Menschen töten kann, würde dir ein Mord auch nicht weiterhelfen. Ich versuche dir schon die ganze Zeit zu erklären, dass ich kein Geld hier habe.“
„Red kein Scheiß, Oppa! Du wirst doch wohl ein paar Kröten im Portemonnaie haben. Die hat doch jeder, oder willst du mir erzählen, dass du von Luft und Liebe lebst? Und wenn ich die Knarre in deine alte Fresse halte und abdrücke, kannst du da sehr wohl von abkacken. Und jetzt gib mir dein Portemonnaie du alter Wichser.“
„Ja, ist ja schon gut.“ lenkte Phillipe ein. Es hatte keinen Sinn, hier noch etwas retten zu wollen. Das sah er nun ein und die fünfzig Euro, die er zu verlieren hatte, taten ihm nicht sonderlich weh. „Aber dafür muss ich aufstehen und meinen Geldbeutel holen.“
„Einen Scheißdreck wirst du tun, Oppa.“ knurrte der Vermummte und drückte ihm den eiskalten Pistolenlauf auf die Stirn. Phillipe erstarrte vor Angst. Diese Pistole konnte sehr wohl schlimme Verletzungen verursachen und so nah am Gesicht konnte ihn das sogar töten. Das hatte er mal in einer Fernsehdokumentation gesehen. „Du sagst mir, wo es liegt und ich hole es selber.“ Er ging einen kleinen Schritt zurück.
„Dort hinten, auf der Komode.“ sagte Phillipe und zeigte mit dem Finger auf eine alte, abgenutzte Komode, die noch soeben im Lichtschein der Kerze zu erkennen war.
„Los komm her.“ befahl der Maskierte und winkte mit der freien Hand seine Komplizin zu sich. Sie war wie ihr Begleiter gekleidet und näherte sich zögerlich. Es war ihr anzusehen, dass sie nicht damit einverstanden war, was ihr Komplize hier gerade tat. Er drückte ihr die Waffe in die Hand, ohne Phillipe aus den Augen zu lassen. „Wenn der alte Kacker auch nur den leisesten Hauch einer Bewegung macht, dann schieß ihm direkt in die Fresse.“
„OK.“ antwortete die junge Frau aufgeregt und die Pistole in ihrer Hand zitterte.
Der Vermummte ging langsam rückwärts zur Komode hinüber, ohne Phillipe aus den Augen zu lassen.
„Denk dran Alter,“ sagte er, als er die Komode im Rücken spürte, „eine falsche Bewegung und du hast das hässlichste CS-Gas in der Fresse, das es zu kaufen gibt.“
Phillipe zog es vor, nicht zu antworten.
Dann drehte er sich um und griff nach Phillipes Geldbörse.
„Warum macht ihr das?“ fragte Phillipe ruhig.
„Geht dich nix an, Arschloch.“
„Wir brauchen das Geld.“ flüsterte die Frau mit zittriger Stimme. „Weil wir krank sind.“
„Halt die Schnauze!“ fuhr ihr Komplize sie an, während er in der Geldbörse suchte. „Was? Bloß 'n Fuffie, Alter? Haste nich mehr?“ Er warf das Portemonnaie wütend zu Boden.
„Scheiße, das reicht nichmal für einen Schuss.“ jammerte die vermummte Frau und die Pistole in ihrer Hand zitterte merklich stärker.
„Du sollst die Fresse halten, du dumme Kuh.“
„Achso, jetzt verstehe ich.“ sagte Phillipe „Ihr braucht Geld für Drogen.“
„JA SCHEISSE MANN! WIR SIND AUF TURKEY!“ Der Vermummte stierte ihn durch die Löcher seiner Skimaske böse an. „UND WIR BRAUCHEN DAS BESCHISSENE GELD! KANNST DU DAS VERSTEHEN, OPPA????“
„Ich hab nicht mehr.“ Phillipe schüttelte den Kopf.
Der Vermummte schaute sich im Zimmer um und sein Blick fiel auf einen antik anmutenden Dolch, der in einer Art Vitrine, einem Glaskasten mit Holzgestell, an der Wand befestigt war. Er sah ziemlich unscheinbar aus. Die Klinge war wellenförmig und gut fünfunddreißig Zentimeter lang, das Heft schien aus Messing und der Griff aus Kupfer zu sein. Auf der Klinge waren arabische Schriftzeichen zu sehen und der Griff war mit Ornamenten reich verziert.
„Das da sieht wertvoll aus.“ Der Gauner zeigte auf den Dolch.
„Nein!“ sagte Phillipe scharf und die beiden Einbrecher zuckten zusammen. „Das dürft ihr nicht tun!“
„Wer oder was will mich daran hindern, mir das Messer zu nehmen, du Arsch.“
„Das Messer,“ in Phillipes Stimme war offene Verachtung zu hören, „ist ein DOLCH. Und dieser Dolch ist nahezu siebenhundert Jahre alt.“
„Also, wusste ich es doch. Bestimmt ziemlich wertvoll.“ Des Gauners Augen glühten von aufkeimender Gier .
„Du bepisster kleiner Junkie weißt ja gar nicht wovon du redest.“ ereiferte sich Phillipe und erschrak im selben Moment über seine Forschheit.
„Sei bloß vorsichtig, wie du mit mir redest.“ knurrte der Vermummte bedrohlich.
„Das ist der Dolch eines der größten Massenmörder des Orients. Er gehörte Omar al Abbar, der mit diesem Dolch über hundertsiebzig Menschen eigenhändig ermordet hat. Dieser Dolch ist ein Geschenk des Teufels. Im Gegenzug bekam Omar al Abbar Ruhm und Reichtum, war bis zu seinem Tode mit achtzig Jahren gesund wie ein Kind und starb als der reichste Massenmörder, den der Orient je gesehen hat. Wer den Dolch der kalten Flamme besitzt, der muss dem Teufel Seelen schenken. Und tut er das nicht, muss er seine eigene hingeben.“
Der Vermummte lachte hart auf und seine Begleiterin, die Phillipe gebannt zugehört hatte, zuckte vor Schreck heftig zusammen.
„Und wieso bist du kein Massenmörder, alter Mann?“
„Weil ich seine Geschichte kenne. Ich möchte diesen Dolch nicht besitzen, demnach gehört er mir also nicht. Ich verstecke ihn nur vor der Welt.“
„Alter, ich glaube du erzählst mir sonne Schauermärchen, weil das Käsemesser dort ziemlich wertvoll ist und du es nicht verlieren willst.“
„Ich weiß nicht.“ meldete sich seine Begleiterin zu Wort. „Vielleicht sollten wir...“
„Red keinen Scheiß und halt endlich die Fresse. Willst du 'n Schuss oder nicht? Für das Messer da bekomme ich auf der Stelle mindestens 'nen Hunnie bar auffe Kralle.“
„Aber für was für einen Preis?“ gab Phillipe zu bedenken.
„Wir haben den Fuffie, lass uns lieber abhauen.“ forderte die vermummte Frau.
„Glaubst du etwa die gequirlte Kacke, die der alte Sack da verzapft?“
„Ich weiß nicht.“ sagte sie erneut und ihr Blick huschte nervös zwischen den beiden Männern hin und her.
Der Gauner schlug mit einem schnellen Schlag die Glasvitrine zu Bruch.
„Nein!“ schrie Phillipe. „Ich flehe dich an. Um deiner selbst Willen. Fass den Dolch nicht an!“
Doch es war schon zu spät. Der schwarze Unbekannte hielt den Dolch in der Faust und bestaunte ihn mit großen Augen. Dann begann der Dolch in einem schwachen Blau zu leuchten, das stetig intensiver wurde und sich in den Augen des Vermummten kalt spiegelte. Man konnte selbst unter der Maske sehen, wie der Dolch Besitz von ihm ergriff und sein Blick irre Züge annahm.
„Und das wolltest du mir vorenthalten?“ Er sprach mit leiser und öliger Stimme und bewegte sich langsam auf Phillipe zu.
„Er wird dir den Tod bringen, du Narr.“ erwiderte er traurig. „Warum musstest du ihn wieder entfesseln?“
„Weil er jetzt mir gehört, und weil er benutzt werden will.“ Und mit eiskalter Erregung in den Augen versenkte er die blau leuchtende Klinge tief in Phillipes Brust. Phillipe war verwundert. Er spürte keinen Schmerz. Auch nicht, als sein Mörder die Klinge aus seiner Brust herauszog. Er bemerkte nur, dass ihm das Atmen plötzlich schwer fiel, seine Kraft ihn verließ, dass er langsam zusammensackte wie ein Klappmesser und seine Stirn sein Knie berührte. Dann hörte er die Frau hysterisch schreien und sah den Boden auf sich zukommen, als er vornüber aus dem Schaukelstuhl kippte. Das letzte was er dann noch sah, war sein Kater, der verstört aus seinem Versteck unter dem Ofen Phillipe beim sterben zusah.
„Da hast du mich doch überlebt.“ flüsterte er dem Kater lächelnd zu. Und mit dem Gedanken, dass er eigentlich hatte, was er wollte, nämlich hier in seinem kleinen Laden zu sterben, wurde es schwarz um ihn. Er hätte sich nur gerne angenehmere Umstände gewünscht.

*


Jede Jahreszeit hat ihre schönen Seiten. Der Herbst bietet nebelige Morgenröte, die von goldschimmerndem Sonnenschein abgelöst wird und die kräftigen Farben der Jahreszeit weithin leuchten lässt. Der Geruch von Pilzen, Kaminfeuer und feuchtem Laub liegt in der Luft, die bei den niedrigen Temperaturen den Eindruck vermittelt, klarer und sauberer als sonst zu sein. Sogar eine große Stadt, mit ihrer abgasgeschwängerten Luft, ihren schmutzigen Straßen und ihrem ohrenbetäubenden Lärm, erscheint eine Spur friedvoller und weniger hektisch. Goldbraunes Laub der Straßenbepflanzung säumt die Fußwege und lädt Kinder wie Erwachsene gleichermaßen ein, mit schlurfendem Schritt durch die Laubhügel zu pflügen. So wie die zwei jungen Leute, die sich an den Händen hielten, die Hauptstraße entlang schlenderten und die braungoldenen Blätter eifrig auf dem Fußweg verteilten.
„Du hast mir versprochen, dieses unheimliche Messer zu verkaufen, sobald wir in der Stadt sind.“ maulte die junge Frau und sah ihren Begleiter mit vorwurfsvollem Blick an. „Und jetzt haben wir unser letztes Geld für den Bus ausgegeben und du hast es dir plötzlich anders überlegt.“
„Quatsch mich bloß nicht voll, Marla. Wenn's dir nicht passt, kannste ja zu deinen spießigen und schwerreichen Eltern zurückkehren und die um einen Hunnie für 'nen ordentlichen Schuss anbetteln.“
„Du bist und bleibst ein Dreckskerl.“ Sie zog beleidigt ihre Hand aus seiner zurück. „Du weißt doch ganz genau, dass die mich hassen wie die Pest. Aber ich weiß gar nicht, was mich noch bei dir hält.“
„Die Tatsache, dass es dir gut bei mir geht? Dass ich dir Drogen besorge? Oder den dicksten Schwanz in ganz Nordrhein-Westfalen besitze? Such dir was aus. Irgendwas wird schon passen.“
„Ich weiß nur, dass es nicht mehr die Dinge sind, die mich damals zu dir geführt haben.“ Ihre Stimme wurde brüchig und sie wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Gesicht. „Du warst mal der coolste Typ im Dorf, Mario. Alle haben zu dir aufgesehen und dich gemocht. Wir führten ein wunderschönes Leben zusammen. Bis diese scheiß Drogen auftauchten und uns zu dem gemacht haben, was wir sind.“
Mario blieb abrupt stehen und drehte Marla unsanft zu sich um.
„Ach ja? Ist das so? War das Leben als spießiger Knecht einer amerikanischen Handelskette wirklich so toll? War es etwa ein schönes Gefühl, Tag für Tag hinter der Metzgertheke im Supermarkt zu stehen und mit deiner Hände Arbeit, für die du nur ein Taschengeld erhalten hast, den Reichtum von beschissenen Vorstandsmitgliedern und Aktionären zu vergrößern?“ Er bekam einen hochroten Kopf. „Und denkst du etwa, mir hat mein beschissener Job in der Drahtfabrik am Fließband gefallen? Jeden Tag immer ein und dasselbe!“ Verächtlich spie er auf den Gehsteig. „Ich bin bei diesem Job wahnsinnig geworden. Ich hab die Schnauze einfach davon voll, ein moderner Sklave zu sein, der nix zu sagen hat und von dem unermesslichen Reichtum, den die kleinen Leute erwirtschaften, nichts abbekommt.“
„Aber es war ein ehrliches Leben.“ warf sie wütend ein. „Ein einfaches, aber ehrliches Leben. Ein Leben mit Chancen. Mit Aussicht auf Besserung, Aufstieg und einer richtigen Familie. Und du hättest keinen Grund zur Beschwerde, wenn du nicht in deiner zugedröhnten und verbohrten hohlen Birne die Umschulung ausgeschlagen hättest. Du hättest einen richtigen Beruf erlernen können und die Chance erhalten, einen guten Job zu bekommen.“
„Ist doch alles für'n Arsch!“ schrie er sie an. „Denkst du denn, es hätte irgendwas an der Situation geändert? Der einzige Unterschied wäre gewesen, dass ich ein besser bezahlter Sklave geworden wäre! Begreifst du das denn nicht?“
„Ist denn das, was wir jetzt sind, etwas besseres?“ schrie sie hysterisch zurück.
„Kommt darauf an, wie du das siehst. Ich finde, dass wir frei sind. Frei von den Zwängen dieser beschissenen Gesellschaft und unabhängig.“
„Nein.“ sagte sie plötzlich ganz leise und schaute traurig und beschämt auf ihre Schuhspitzen. Dann sah sie ihn mit geröteten Augen an. „Wir sind alles andere als frei. Nun sind wir Sklaven der Droge. Kriminelle, die noch weniger in der Lage sind, etwas zu verändern als all die Leute, die ein spießiges Leben leben. Schau uns doch an, was aus uns geworden ist.“
„Sag du mir doch, was aus uns geworden ist.“
„Ich war mal ein lebenslustiges Mädchen. Ich war hübsch.“
„Das bist du doch immer noch.“
„Schau mich doch an!“ schrie Marla ihm ins Gesicht. „Ich bin von diesen scheiß Drogen gekennzeichnet. Ich sehe aus wie eine verrottende Leiche. Ich ficke für Geld mit deinen Kumpels, damit wir uns den Stoff leisten können! Ist das der Preis für Freiheit? Dann will ich sie nicht mehr.“ Sie verbarg ihr Gesicht hinter ihren Händen und Mario schaute betreten zu Boden. „Und schau dich doch mal an. Ist gar nicht mal so lange her, da warst du ein hübscher Kerl, mit den weißesten Zähnen und den blauesten Augen, die ich je gesehen habe. Du warst ein lustiger und leidenschaftlicher Mensch, der immer gern und viel gelacht hat. Und was bist du jetzt?“
„Ja? Was bin ich denn jetzt?“ fragte er zornig.
„Ein heruntergekommener, drogenabhängiger...“ Sie schaute ihm tief in die Augen und flüsterte: „Mörder.“
Marios Gesicht verzog sich zu einer bösen Fratze und seine Augen funkelten Marla zornig an.
„Erstens“ sagte er so leise, dass Marla Mühe hatte ihn zu verstehen, „hängst du in der Sache genau so drin wie ich. Wenn sie mich schnappen, geht es dir auch an den Kragen. Und zweitens braucht man für einen Mord auch eine Leiche. Wir haben keine Spuren hinterlassen. Wir waren maskiert und trugen Handschuhe. Und wir sind im echten Leben. Hier gibt es kein CSI, das in der Lage ist, jemanden anhand eines schmutzigen Fußabdrucks zu erwischen. Es gibt keine Beweise für unsere Anwesenheit.“
„Aber was ist mit der Leiche?“ fragte Marla leise und schaute sich vorsichtig um. „Wieso konnte sie sich einfach so vor unseren Augen in blaues Licht auflösen? Das macht mir große Angst, Mario. Und warum hast du den alten Mann überhaupt erstochen? Er hat uns doch gar nichts getan.“
„Ich... ich weiß nicht. Ich nahm den Dolch in die Hand und wurde plötzlich stinksauer auf den Alten. Aber so richtig sauer. Ich hab' ihn in diesem Moment gehasst. Es lag plötzlich klar auf der Hand. Er trug die Schuld für alles, was mir im Leben passiert ist. Ich kann das kaum beschreiben. Ich hab noch nie im Leben solchen Hass verspürt.“ Marios Blick glitt in die Ferne, ans Ende der Straße, und er schüttelte leicht den Kopf. „Sowas hab ich wirklich noch nie gespürt.“
„Und wenn der Alte recht hatte? Wenn dieser Dolch wirklich vom Satan besessen ist?“ Marlas Angst war in ihren geröteten Augen deutlich zu erkennen. „Was ist, wenn du dich wirklich auf einen Handel mit dem Teufel eingelassen hast und nun jedesmal morden musst, wenn du das Ding in die Hand nimmst?“
„Red' doch keinen Unsinn. Denkst du den Scheiß wirklich? Der Alte hat das doch nur erzählt, damit wir die Finger von dem Ding lassen.“
„Und warum begann das Ding zu leuchten, als du es in die Hand genommen hast? Und warum verschwand die Leiche des Alten in genau demselben Licht? Das sind doch Dinge, die nicht mehr normal sind!“
„Aber besser konnte es doch gar nicht kommen, dass die Leiche verschwand.“
„Hast Du ein Rad ab, oder was? Mensch, du hast einen Menschen getötet. Und das für gerade mal fünfzig Euro.“ zischte sie kaum hörbar zwischen den Zähnen hervor. „Hat dir das etwa gefallen?“
„Ich sagte doch schon, dass ich das gar nicht wollte.“
„Und warum hast Du gerade eben den Dolch nicht verkauft? Ich glaube, der Alte hatte recht und nun hat dich dieses Ding so sehr verzaubert, dass du es nicht mehr hergeben willst.“
„Papperlapapp. Der schmierige Typ wollte mir noch nicht einmal hundert Euro dafür geben. Das Teil ist doch mindestens tausend Euronen wert, Marla. Soll ich es soweit unter Wert verkaufen?“
„Das ist eine Mordwaffe und mir wäre wohler gewesen, du hättest sie dem Typen verkauft. Dann wären wir das Teil jetzt endlich los. Außerdem wird es dunkel, wir haben kein Geld und dürfen die fünfundzwanzig Kilometer entweder zurücklaufen oder müssen es in Kauf nehmen, dass man uns schon wieder beim Schwarzfahren erwischt. Und zum drücken haben wir auch nichts.“ Marla weinte. „Ich hasse dich, du Arschloch.“ schrie sie und schlug ihm mit der Faust gegen die Brust.
„Ganz ruhig Marlenchen.“ beschwichtigte Mario seine aufgebrachte Freundin und nahm sie fest in die Arme, damit sie ihn nicht mehr schlagen konnte. „Ich werde uns schon Geld besorgen.“
„Woher denn? Willst du wieder jemanden umbringen? Und nenn' mich nicht Marlene. Du weißt, ich hasse diesen Namen.“
„Jaja, ist ja schon gut.“ Er strich ihr übers Haar. „Ich habe nicht vor, jemanden umzubringen. Wir werden den Dolch so schnell wie möglich loswerden. Aber nicht für einen Hunnie. Versteh das doch, mein Schatz.“
Marla sagte gar nichts. Sie schluchzte leise vor sich hin und verfluchte den Tag, an dem der Teufel in Gestalt einer Spritze ihr Leben betrat.
„Na komm. Wir suchen uns jetzt irgend einen Spinner und ziehen ihm mit der Idiotennummer die Kohle aus der Tasche.“
Marla nickte.
„Du weißt, was du zu tun hast? Wie immer eigentlich.“
Marla nickte erneut.
„Gut, dann wollen wir uns mal auf den Weg machen.“ Mit diesen Worten legte er den Arm um Marlas Schultern und sie machten sich auf den Weg in den Betondschungel. Einen Urwald aus Stahl, Glas und Beton, der sich Großstadt nennt und weitaus gefährlicher ist, als ein echter Urwald es jemals sein könnte.

*


Fernab der strahlend beleuchteten Konsumtempel und gut bewachten Finanzhäuser, dort, wo Straßenlaternen nur noch hilflos in der Dunkelheit blinken, wo die Ratten ihr Eldorado auf schmutzigen Hinterhöfen finden und das Straßenbild aus einheitlich schmutzig grauen Häusern besteht, an denen der schon seit Jahrzehnten verwitterte Putz abfällt, weil das große Geld der großen Stadt sich nicht in diese Viertel verläuft, dort befindet sich das Revier der Verlassenen, der gesellschaftlich Verdammten und der auf ewig Gestrandeten. Heimat von Raub, Armut, Elend und Ungerechtigkeit und das Jagdrevier der dunklen Gestalten.
„Wo hast Du uns hingebracht?“ Marla schaute sich ängstlich um.
„Ins beste Jagdrevier der Stadt.“ Sie unterhielten sich nur flüsternd und standen am Rande eines unbeleuchteten Parkplatzes, von dem aus sie die gegenüberliegende Straße beobachteten. Hinter den brusthohen Sträuchern aus Immergrün waren sie in der Dunkelheit praktisch unsichtbar, hatten aber einen hervorragenden Überblick über die gesamte Straße.
„Schau mal.“ Mario zeigte mit dem Finger auf ein Haus auf der anderen Straßenseite. „Dahinten ist ein Puff. Zwar nicht der edelste, aber immerhin gut genug, dass sich auch der ein oder andere Geschäftsmann und Bessergestellte dort blicken lässt.“ Er spie verächtlich in die Hecke. „Das ist unsere Chance. Wenn wir so einen erwischen, haben wir erst einmal für ein paar Tage ausgesorgt.“
„Woran willst du erkennen, ob er Geld hat oder nicht?“
„Ich brauch' die Typen nur anzusehen, und dann weiß ich es. Es ist sowas wie ein Talent. Keine Ahnung.“
Sie standen stumm nebeneinander und warteten. Es gingen immer wieder Männer hinein und es kamen auch ständig wieder welche heraus. Aber während der ganzen Zeit zog Mario nicht eine Miene, oder machte Anstalten, sich zu bewegen. Mittlerweile war es schon spät und über die Stadt hatte sich eine tiefschwarze Nacht gelegt. Es war bewölkt und windig. Weder Mond noch Sterne waren am pechschwarzem Firmament zu sehen. Nur eine altersschwache Straßenlaterne an der Parkplatzeinfahrt tauchte die Szenerie in ein schales, orangefarbenes Licht, das die Konturen der Umgebung hart und kalt hervortreten ließ. Endlich begann Mario sich zu regen. Aufmerksam beobachtete er einen Mann, der aus der Tür des Bordells in den Schein einer Straßenlaterne trat und sich umsah. Er zog eine Schachtel Zigaretten aus seiner Jeansjacke hervor, steckte sich einen Glimmstengel zwischen die Lippen und zündete ihn an.
„Hast du das Feuerzeug gesehen?“ flüsterte Mario, so leise er konnte. Marla verneinte kopfschüttelnd. „Alleine sein scheiß Feuerzeug ist mindestens achtzig Euro wert. Und erst die Klamotten. Die sehen im ersten Moment aus, als wären sie aus der Altkleidersammlung, aber dieser Look kostet richtig Geld. Das ist genau der Richtige.“
„Aber der sieht verdammt groß und stark aus.“
„Je größer, desto besser.“ Die Aufregung in seiner Stimme war unüberhörbar. Das Jagdfieber hatte ihn gepackt.
„Warum?“
„Weil man es da mit der Idiotenmasche leichter hat.“
„Ich verstehe nicht.“
„Man appelliert dabei an das Gute im Menschen.“
„Hab ich doch letztens erst noch gehört.“ murmelte Marla und versuchte sich zu erinnern, wann und wo das gewesen sein könnte.
„Genau das macht die Typen schwach. Sie denken, sie hätten einen echten Idioten vor sich und lassen dich dann gnädig in Ruhe. Das ist der Moment, in dem man sie schlagen kann, egal wie groß und stark sie sind. Sie rechnen einfach nicht damit.“
„Ich hab Angst, Mario. Lass uns lieber nach Hause gehen.“
„Red' keinen Scheiß. Schau mal, der kommt genau in unsere Richtung. Besser kann es gar nicht laufen. Los komm.“ Sie nahmen sich bei der Hand und verließen den Parkplatz, um ihrem Opfer entgegenzulaufen. Fast waren sie an ihm vorüber und Marla hoffte, Mario würde seinen Plan vielleicht doch noch aufgeben, als Mario den Mann anschaute und heftig zu zucken begann.
„Alter Wichser!“ schrie er, zuckte wieder und schaute den Mann erschrocken an. Der Mann blieb abrupt stehen. Seine kastanienbraunen Augen funkelten zornig.
„Was hast du kleiner Penner da gerade gesagt?“
„Ich... ich... ich bitte um Verzeihung. Ich... i..ich meine das nicht so.“ Mario schaute ängstlich und elendig aus der Wäsche.
„Ich bin krank...“ Wieder begann er zu zucken. „Du mieser Schwanzlutscher... Schwanzlutscher... mi... mieser!“
„Willst du mich verarschen, du Wichser?“ schrie der Fremde und baute sich in seiner gesamten, furchteinflößenden Größe vor den beiden auf.
„Oh nein, bitte.“ flehte Marla. „Er ist wirklich krank.“
„Wichser! Wi... Wi... alter Wichser!“ grölte Mario zuckend, mit dem Ausdruck nackter Panik in den Augen.
Der Hüne wollte zum Schlag ausholen, Mario duckte sich, als Marla dazwischensprang.
„Bitte! Bitte nicht! Er leidet am Tourette-Syndrom! Bitte nicht verhauen! Er kann doch nichts dafür. Ständig wird er dafür geschlagen. Er kann doch nichts dafür.“ Sie begann zu weinen. Nicht nur, weil dieses Spiel es von ihr verlangte, sondern weil sie sich gerade für das, was sie tat, hasste und verabscheute. Der Mann nahm langsam die Faust herunter und schaute Marla mitleidig an.
„Sieh zu, dass du deinen Freund hier weg schaffst, bevor ich mir das noch anders überlege.“ Der Mann drehte sich um und wollte verärgert seinen Weg fortsetzen.
„Es t... tut mir leid.“ sagte Mario unterwürfig. „Ich...“ wieder begann er zu zucken. „...alter Ficker! Hast du deine Mu... Mu... Mutter da in dem Pu... Pu... Puff gefickt? Du Sau!“ schrie Mario zuckend.
„Jetzt reicht's, du Arschloch!“ rief der Mann und kam mit erhobener Faust auf Mario zu.
„B... b... bitte nicht.“ bettelte Mario und ging in die Knie, die Hände schützend über den Kopf zusammengelegt. „Bitte nicht wehtun. Bitte. Ich kann d... d... doch nichts dafür.“ Der Mann ließ verunsichert die Faust sinken.
„W... W... Wichser!“ schrie Mario zuckend und schluchzend. Und dann, als Mario sich noch tiefer bückte um weiter in Deckung zu gehen, passierte es. So schnell, dass niemand, selbst Mario selbst nicht damit gerechnet hätte. Der Griff des Dolches, der sich in Marios Innentasche befand, drückte sich in Marios Bauch und instinktiv griff er danach. Der Griff fühlte sich angenehm warm an. Er zog den Dolch, dessen Klinge wie schon in der Wohnung des Alten blau leuchtete und stieß ihn, begleitet von einem irren Schrei und wutverzerrtem Gesicht, mit aller Wucht nach oben, wo er bis zum Heft in die Brust des Hünen eindrang. Mit einem schmatzendem Geräusch zog er die Klinge wieder heraus.
„Oh mein Gott.“ flüsterte Marla. „Was hast du da getan?“ Sie schaute dem fremden Mann ins Gesicht, in dem ungläubige Überraschung zu lesen war, bevor sein Blick glasig wurde. Er fiel erst auf die Knie, versuchte verzweifelt zu atmen und sackte dann in sich zusammen, bevor er wie im Zeitlupentempo auf die Seite fiel. Mario hielt den Dolch immer noch in der Hand und begann, seine Sachen zu durchsuchen, bevor vielleicht auch diese Leiche wieder verschwinden würde.
„Du hast es schon wieder getan.“ flüsterte sie tonlos. „Du hast schon wieder einen Menschen getötet. Dabei hast du mir doch versprochen, es nicht wieder zu tun.“
„Halt die Fresse, du Schlampe und hilf mir lieber!“ schrie er und stierte sie mit immer noch dem gleichen irren Gesichtsausdruck an.
„Niemals.“ Sie schüttelte den Kopf.
„Das wird noch ein Nachspiel haben.“ knurrte er. Speichel lief ihm aus dem Mundwinkel. Er hob den Dolch und schaute sie mordlüstern an. Dann besann er sich und durchsuchte weiter die Kleidung des Mannes, der vor ihm auf dem Boden lag und starb. Marla konnte dem Hünen beim sterben zusehen und dabei in sein Gesicht schauen. Die Überraschung war der Verzweiflung des Todeskampfes gewichen. Marla konnte den Blick seiner aufgerissenen Augen, in denen der Blick langsam zu brechen begann, nicht mehr länger ertragen und drehte sich weg.
„Wusst ich's doch.“ rief Mario triumphierend und hielt eine Brieftasche und einen Autoschlüssel in der Hand. „Gerade noch rechtzeitig.“ sagte er lachend und wies auf die Gestalt am Boden, die nun in einer Aura blauen Lichtes gehüllt war. Und so wie der Lichtschein zunahm, nahmen die Konturen des Körpers ab. Und in einer Explosion blauen Lichtes verschwand der Körper im Nichts und mit ihm das Licht. Mario warf seiner Freundin die Brieftasche zu, dann drückte er auf den Knopf am Autoschlüssel und zehn Meter weiter meldete sich mit dezentem Piepton und kurz aufleuchtenden Blinkern die Zentralverriegelung eines Mercedes Sportwagens.
„Bingo!“ rief Mario grimmig. „Wir brauchen nicht mit dem Bus zu fahren und die Polen geben mir einen guten Preis für das Auto.“ Mit einem zufriedenen Lächeln steckte er den Dolch wieder in seine Jacke und drehte sich zu Marla um.
„Er hatte nur noch zehn Meter bis zum rettenden Auto.“ flüsterte Marla und die Tränen liefen ihr über’s Gesicht. „Nur noch zehn Meter und er wäre in Sicherheit gewesen. In Sicherheit und bei seiner Familie.“ Anklagend hielt sie Mario die Brieftasche vor’s Gesicht. Er nahm sie ihr aus der Hand und sah auf ein Bild, auf dem eine attraktive Frau und drei süße Kinder zu sehen waren. „Er hätte jetzt schon zuhause sein können. Dort wo seine Kinder auf ihn warten... und eine Frau, die sich nach ihrem Mann und seiner Umarmung sehnt.“ Marla versagte die Stimme.
„Was geht der Wichser denn dann in einen Puff, wenn er eine so tolle Frau zuhause im Bett hat? Hä? Was glaubst du wohl, was der da drin gemacht hat?“ Mario wurde wegen Marlas Gefühlsausbruch immer zorniger. „Bunte Bildchen malen?“
„Das ist doch egal, du Scheusal. Was geht dich das denn an? Warum hast du das getan?!“ schrie sie ihn an.
„Wenn du so weiter schreist, haben wir gleich die Bullen am Arsch.“
„Das ist mir scheißegal!“
Mit blitzschnellem Griff hatte er Marla am Kragen und zog ihr Gesicht ganz nah an sein eigenes.
„Aber mir nicht, kapiert? Wir haben Glück und uns hat niemand gesehen. Die Stelle hier ist dunkel und hier stehen keine Häuser mehr. Außerdem hätten wir sonst längst die Bullen am Hals. Also,“ er zog sie näher an sich heran, bis ihre Nasenspitzen sich berührten und verstärkte den Druck seiner Hände, „in der Patte hier sind mindestens tausend Euro, so wie ich das auf die Schnelle überfliegen konnte. Wir beide werden uns jetzt in das Auto setzen und ganz gemütlich zu unserem Dealer fahren. Und dort wirst du dich benehmen wie immer. Dann werde ich das Auto verkaufen. Das bringt uns mehrere zehntausend Euro. Hast du das geschnallt? Wir können eine ganze Weile gut davon leben. Und währenddessen wir das tun, überlegen wir, wie wir den Dolch loswerden und wir sind aus allem raus.“
„Du bist das mieseste Schwein, das ich jemals kennengelernt habe. Tust einfach so, als wäre nichts gewesen.“
Mario lies ihren Kragen los und ging einen Schritt zurück. „Es war der Dolch. Ich wollte nicht...“ Er schaute ihr irritiert ins Gesicht.
„Du hast eine ganze Familie zerstört.“ sagte sie tonlos.
„Komm, wir hauen jetzt besser ab, bevor man uns noch erwischt.“
„Du kannst alleine in deinem Mordauto fahren.“
Die Ohrfeige kam so schnell und schallend, das Marla außerstande war, ihr auszuweichen.
„Du steigst jetzt in die beschissene Karre, Marla. Und wag' dich ja nicht, mir heute noch einmal zu widersprechen.“ knurrte er bösartig und Marla wusste,
dass es nun besser war, ihm zu folgen, wollte sie den morgigen Tag schmerzfrei erleben.


*


Mario lag nackt auf dem Bett. Durch den Spalt des angekippten Fensters drang kaltes Mondlicht ins Zimmer. Zu wenig, um das Chaos dieses Zimmers in allen Einzelheiten erkennen zu können, doch gerade genug, um sich orientieren zu können. Die gnädige Finsternis der Nacht nahm die Sicht auf den riesigen Berg ungewaschener Wäsche, der unerbittlich nach abgestandenem Körperschweiß und Fäkalien roch, versteckte den Haufen leerer Bier- und Schnapsflaschen unter einem samtschwarzen Tuch von Lichtlosigkeit und verwischte die Konturen fehlender Tapetenstücke. Auf dem Nachttisch neben ihm lag das Drogenbesteck, mit dem er Marla und sich den letzten Schuss zubereitet hatte. Marla lag neben ihm und atmete tief und ruhig im Schlaf. Er wusste nicht wie lange er hier schon lag und in die Finsternis starrte. Es schien ihm wie eine Ewigkeit vorzukommen, dass er sich den letzten Schuss gesetzt hatte. Seitdem lag er nackt auf dem Bett, alle Glieder von sich gestreckt, eingehüllt in weiße, weiche Watte aus Heroin. Er spürte nichts, weder die kalte Luft, die durchs Fenster gekrochen kam, noch die Sprungfedern der abgenutzten Matratze, die ihm in den Rücken bohrten. Er hörte nicht die wenigen Geräusche, die von der Straße in den Raum schallten, in sein Ohr drangen, sein Trommelfell reizten, und am Hörnerv durch die Droge ihres weiteren Weges gehindert wurden. Dass die Welt sich noch drehte, bemerkte er lediglich daran, dass der gleißende Streifen aus Mondlicht stetig an der Wand entlangwanderte. So guten Stoff hatten sie schon lange nicht mehr gehabt. Doch nach der letzten Aktion konnten sie sich den besten Stoff leisten, der in der großen Stadt zu bekommen war. Allein im Portemonnaie des Typen waren tausendsiebenhundert Euro gewesen. Und wenn er noch das Geld für das Auto dazurechnete, konnten sie eine Weile sorgenfrei leben. Dieser Fischzug hatte sich wirklich gelohnt. Zwar war Marla noch ein paar Tage eiskalt zu ihm gewesen, doch das hatte sich immer dann schlagartig geändert, wenn sie einen Schuss brauchte und Mario mit dem Herointütchen gewunken hatte. Dann war sie plötzlich zahm wie ein Lamm und wenn sie sich die Pumpe gesetzt hatte, konnte er frei über sie verfügen. Mario grinste. Es hatte schon irgendetwas an sich, sie so im Griff zu haben. Der Reiz war einfach größer, wenn sie sich ihm vorher gänzlich verwehrte, ihn aber mit Haut und Haaren verschlang, wenn sie drauf war und bereitwillig alles mit sich machen ließ, was er wollte. Und er wollte eine Menge. Seit er den Dolch das erste mal benutzt hatte, fühlte er sich mächtig, unbesiegbar und unglaublich männlich. Er war sich sicher, dass er es sogar jederzeit mit Rocco Siffredi hätte aufnehmen können. Er war sich sicher, um Stunden länger bumsen zu können, als dieser abgelutschte Pornoriemen.
„Ist es das, worum es dir geht?“ Mario blieb vor Schreck fast das Herz stehen und die Stimme, die die Dunkelheit wie ein Peitschenknall durchschnitt, kam ihm vage bekannt vor. „Bekommst durch die ganze Scheiße da in deiner Blutbahn wohl keinen mehr hoch was?“
„Wer ist da?“ Panik kroch wie ein jagendes Raubtier in ihm hoch und krallte sich unerbittlich in sein Herz. Hektisch schaute er um sich.
„Hier drüben, du großer Held.“ sagte die Stimme amüsiert.
Verwirrt schaute er in die Richtung, aus der die Stimme kam und was er erblickte, ließ das wenige bisschen Blut, was sich noch in seinem Kopf befand, vor Angst in die Füße sacken. Dort in der Ecke auf einem Stuhl saß der alte Mann, den er vor knapp einer Woche erstochen hatte und er grinste ihn schelmisch an. Er sah noch genau so aus, wie in der Nacht, in der er ihn tötete. Der Anblick war grauenhaft. Ob es nun am farblosen Mondlicht lag oder an der Tatsache, dass Tote keine Farbe im Gesicht haben, konnte Mario nicht ermessen, aber Gesicht und Hände des Alten waren bläulich weiß und unter den rot geäderten Augen hatte er tiefschwarze Ringe.
„Jaja, schau mich nur ruhig ganz genau an. Schau dir nur an, was du aus mir gemacht hast.“
„A... aber du kannst gar nicht hier... du kannst nicht... du bist mausetot, Mann.“ Mario schüttelte sich, als er begriff, was er soeben gesagt hatte.
„Genau, du kleines Arschloch! Und du bist Schuld daran!“ schrie er anklagend. Sein Gesicht war wutverzerrt und er zeigte mit seinem knochigen Finger auf ihn. „Schau dir nur mal an, was du getan hast.“ Er griff sich mit beiden Händen an die Brust, zog an dem Riss in seinem Hemd, das der Dolch verursacht hatte und zeigte Mario eine klaffende, tiefe Wunde in seiner Brust, die sich bei jeder Bewegung, die der Alte machte, weiter öffnete oder wieder schloss. Mario erinnerte der Anblick an das Maul eines Fisches, der auf dem Trockenen nach Luft schnappt und mit dem Tode ringt. Dann begann Mario lauthals zu lachen.
„Was lachst du so dämlich?“ fragte der Alte böse. „Findest du das jetzt auch noch witzig?“
„Ach Scheiße.“ lachte Mario und schüttelte den Kopf. „Ich hab's begriffen. Du bist nichts weiter als eine Halluzination. Das muss am Stoff liegen. Lange her, dass ich mal so geiles Zeug hatte.“
„Ach ja? Was macht dich da so sicher, dass ich nicht echt bin?“
„Hey. Du bist nicht die erste Leiche, mit der ich mich unterhalte. Ich hab schon mit Mozart geplaudert und mit Bob Marley einen Joint geraucht. Meine Fresse, was hast du mir einen Schreck eingejagt. Ich dachte schon, du bist echt.“
„SCHWEIG! DU DUMMER HUND!!!“ donnerte der Alte und sprang auf. Mario fuhr der Schreck in Mark und Bein. „Du denkst, ich bin nur eine Einbildung, ja?“ Mario nickte stumm, obwohl ihm langsam Zweifel daran kamen. „Dann sieh doch mal, wen ich dir mitgebracht habe.“ knurrte der Alte und zeigte mit dem ausgestreckten Zeigefinger seiner bleichen und knöchernen Hand auf die Stelle, an der Marla immer noch tief und fest schlafen sollte. Doch jetzt war das Bett neben ihm leer und die Bettdecke war bis zum Kopfkissen hochgezogen. Mario wollte gerade fragen, was mit Marla passiert war, als sich die Bettdecke kaum wahrnehmbar bewegte. Es begannen sich Konturen abzuzeichen. Erst ganz vage und zögerlich und dann immer schneller werdend zeichneten sich die Konturen eines menschlichen Körpers ab. Als würde ein Mensch von unten gegen die Bettdecke gedrückt. Mario zog sich auf den hintersten Teil seines Kopfendes zurück und starrte mit Grauen auf die Gestalt, die da in seinem Bett entstand. Sie sah aus wie eine der vielen Leichen im Leichenschauhaus, die man mit einem weißen Laken bedeckte um sie nicht ansehen zu müssen. Da wo sich die Brust des Körpers befinden musste, breitete sich langsam ein Blutfleck auf der Decke aus. Dann richtete sich ganz langsam der Körper auf und Mario hatte das Gefühl, als ob jemand die Geschwindigkeit seiner Wahrnehmung auf Zeitlupentempo geschaltet hätte. Sein Herz begann zu rasen, er wollte schreien, aufspringen und aus dem Haus flüchten, doch die Angst schnürte ihm die Kehle zu und machte ihn unfähig, sich zu bewegen. Wie hypnotisiert starrte er auf den Körper, der sich neben ihm langsam aber stetig aufrichtete und ein grauenhaftes Stöhnen von sich gab. Als der Körper sich vollständig aufgerichtet hatte, drehte er den Kopf langsam in Marios Richtung. Fast schleichend kam eine bleiche Hand unter der Decke hervor, die langsam zum Kopf glitt und sich in die Bettdecke krallte. Mario war halb wahnsinnig vor Angst. Und mit einem Ruck zog die Hand die Decke herab und Mario schaute in das Gesicht seines zweiten Opfers, das ihn aus voller Kehle anschrie. Er hatte den Mund aufgerissen, die Augen waren widernatürlich groß und starr. Sein ganzer Mund war voll Blut, die Zähne waren blutverschmiert und Blut tropfte ihm in langen, fast schwarzen Fäden vom Kinn herab. Mario spürte, wie sein Herz für einen Moment aussetzte. Er war nicht fähig zu atmen oder sich zu bewegen. Von Grauen ergriffen schaute er auf die Fratze neben ihm und das Schreien der Leiche zerfetzte ihm fast das Trommelfell. Dann setzte sein Herzschlag wieder ein und mit einem tiefen Atemzug holte Mario Luft. Die Leiche neben ihm verfiel in schallendes Gelächter.
„Scha... scha... schau mal an. Der kleine To... To... Tourette-Spinner!“ rief die Leiche erfreut. „Dass ich das noch erleben darf!“ Er lachte herzhaft. Dann schaute er in Marios angstverzerrtes Gesicht. „Den haste nicht verstanden, was?“
„Darf ich vorstellen.“ sagte der Alte höflich. „Dein zweites Opfer. Karsten. Karsten – Mario, Mario – Karsten.“ Mit ausladender Handbewegung zeigte er auf den jeweils Genannten.
„Na Phillipe, ich denke, der wird meinen Namen selber kennen, nachdem er meine Brieftasche durchwühlt und mein Auto verkauft hat. Wieviel haste für den Schlitten denn noch bekommen?“ fragte er interessiert und grinste. Das blutverschmierte Grinsen entstellte Karstens Gesicht zu einer beängstigenden, surrealen Fratze. Mario schaute Karsten mit offenem Mund an, immer noch unfähig, zu reagieren.
„Meine Fresse, bist du dicht. Na dann werde ich für dich antworten.“ Er ahmte Marios von Grauen gezeichneten Gesichtsausdruck nach. „Genau fünfzehntausend Euro hab ich für deinen schicken, sauteuren, bis auf die kleinste Schraube getunten und herrlich einzigartigen Wagen noch bekommen, lieber Karsten.“ sprach er mit Marios eigener Stimme. „Du Bumsbirne hast dich über den Leisten ziehen lassen!“ brüllte Karsten und übersäte Marios Gesicht mit feinen Blutstropfen, die in ihm solch einen Ekel auslösten, dass er sich fast übergeben hätte.
„Fünfzehntausend! Mann, die Karre war mindestens zweihundertfünfzigtausend wert!“ Dann kam er ganz nah an Marios Gesicht heran und der Geruch, der Mario dabei entgegenschlug, war überwältigend übel. „Die ollen Pollaken haben sich die Hände gerieben. Was glaubst du wohl, wie die sich über dich lustig gemacht haben, als du wieder weg warst. Die haben doch tatsächlich das beste Geschäft ihres Lebens gemacht. UND DAS AUF MEINE KOSTEN DU PISSER!!!!!“ Mario begann zu würgen. „Wehe du kotzt mich an, Kleiner, dann zeig' ich dir mal, zu was eine Leiche alles in der Lage ist.“ Er schaute Mario angewidert an.
„Reg dich nicht auf, Karsten.“ beschwichtigte Phillipe. „Was will man schon von einem Schwachsinnigen erwarten, der sich das kleine bisschen Hirn, das er mal besessen haben mag, mit der Spritze selbst entfernt hat?“
„Dass er ein Unikat von Auto erkennt, wenn er schon mal drinsitzt?“ Karsten zog eine Braue hoch. „Schau dir nur mal die ganze Sauerei an, die er verursacht hat. Hab mein Leben lang noch nie so beschissen ausgesehen.“ Er wischte sich mit dem Ärmel über den Mund und verteilte dadurch das Blut im ganzen Gesicht, was ihn nur noch gruseliger aussehen ließ und Mario an das blutverschmierte Grinsen des Clowns Pennywise aus Stephen King's ES erinnerte.
„Naja, kein Wunder, jetzt wo du tot bist.“ sagte Phillipe. Sie schauten sich einen Moment lang an und brachen dann in brüllendes Gelächter aus.
„Was wollt ihr eigentlich von mir?“ unterbrach Mario, der sich wieder soweit gesammelt hatte, um halbwegs klar denken zu können, das Gelächter.
„Der Meister persönlich schickt uns. Er fordert seinen Tribut.“ sagte Karsten, als würde er einem Fünfjährigen erklären, dass ein Stein zu Boden sinkt, wenn man ihn ins Wasser wirft und setzte sich im Schneidersitz vor Mario auf, wobei die Sprungfedern der alten Matratzen ächzten und stöhnten.
„Ich versteh nicht... wer will was von mir?“
„Na der Satan persönlich, du Depp!“ Karsten schlug Mario mit der flachen Hand auf den Hinterkopf. „Na? Klingelt da was in der dichten Birne? Satan! Teufel! Von mir aus auch Beelzebub, du hohle Nuss.“
„Ich habe dir die Spielregeln doch erklärt, bevor du dir den Dolch genommen hast.“ erklärte Phillipe. „Du gibst dem Satan Seelen und er gibt dir Ruhm und Reichtum. Du hast ihm keine Seelen gebracht, also hast du keinen Ruhm und keinen Reichtum bekommen.“
„Fünfzehntausend anstatt zweihunderttausend. Kapiert?“ warf Karstens Leiche ein.
„Ich... ich... woher sollte ich...“
„...wissen wie es geht?“ beendete Phillipe Marios Gestammel. „Mensch, du bist wirklich für alles zu blöd, aber besser bumsen wollen als Rocco Siffredi, was?“ spöttelte Karsten.
„Ein wenig Kreativität ist bei solch einer schwierigen Angelegenheit schon gefragt.“ erklärte Phillipe ernst. „Wie wäre es denn mal mit >Für den Teufel<, oder >Heil Dir, Satan<, oder >Meister, ich schicke dir Kundschaft< gewesen, bevor du zustachst?“ sagte Phillipe kopfschüttelnd und Karsten hielt sich den Bauch vor Lachen. „Ihr wisst heutzutage so viele Dinge. Wie man ein Handy bedient, am Geldautomaten Geld ergaunert oder wie man sich im Internet Pornofilme besorgt und vor allem, wie man sich Drogen in die Adern spritzt. Aber auf die einfachsten Dinge kommt ihr nicht.“
„Das ist so abgedreht, das kann alles nicht wahr sein. Ihr seid in Wirklichkeit nichts anderes, als Einbildung. Wenn ich jetzt aufstehe, kann ich durch euch durchgehen und alles hat ein Ende.“ murmelte Mario mehr zu sich selbst.
„Ist das hier Einbildung?“ fragte Karsten wütend und schlug Mario mit der Faust ins Gesicht. Der Schmerz kam umgehend und war bösartig, er spürte wie seine Lippe aufplatzte und warmes Blut über sein Kinn lief.
„Glaubst du es jetzt? Oder soll ich nochmal?“ Er holte erneut aus.
„Nein!“ schrie Mario und duckte sich. „Ich glaub euch ja.“
„Das ist auch besser so. Denn jetzt nimmt dir hier keiner mehr deine Psychomacke ab.“ Karsten schlug ihm mit der flachen Hand erneut auf den Hinterkopf. 
„Es wird Zeit, dass du deinen Preis nun bezahlst.“ sagte Phillipe. „Der Teufel wartet nicht gerne, obwohl er mehr als genug Zeit hat.“
„Was soll ich denn tun?“ jammerte Mario hilflos und sank auf seinem Bett in sich zusammen. „Was verlangt ihr denn von mir?“
„ER! verlangt ein Opfer.“ sagte Phillipe, streckte die Hand aus und schloss die Augen. Augenblicklich begann es im Nachttisch neben Mario zu rappeln und zu klappern. Dann begann der ganze Nachtisch zu wackeln und zu tanzen und mit einem lauten Splittern durchbrach der Dolch das Holz des Nachttischs. Er begann zu leuchten und tauchte den Raum in ein unwirkliches Blau, das in jede Ritze drang.
„Nimm ihn!“ befahl Phillipe. Mit zitternden Händen nahm Mario den Dolch, der reglos vor seinem Gesicht in der Luft schwebte.
„Und nun hast du zwei Optionen.“ sagte Phillipe. „Entweder du bietest dem Teufel deine eigene Seele an, was meiner Meinung die bessere Alternative wäre, denn niemand braucht jemanden wie dich, oder du bietest dem Teufel eine andere Seele.“
„Soll ich etwa nach draußen gehen und wahllos jemanden umbringen? Kein Problem, haben wir gleich. Kommt auf einen mehr oder weniger nicht mehr an.“ sagte er und fühlte sich bereit, eine ganze Stadt auszulöschen, denn der Dolch in seiner Hand gab ihm Mut und Kraft.
„SITZ, DU MIESE TÖLE!“ brüllte Karsten, als Mario sich gerade eben erheben wollte. Mario hätte vor Schreck fast den Dolch fallengelassen.
„So einfach macht dir der Teufel das Geschäft nicht mehr.“ sagte Phillipe mit öliger Stimme. „Siehst du, mein Freund Karsten hier will gerne ins Licht gehen. Die Aussicht, auf ewig tot auf dieser Erde zu wandeln, behagt ihm nicht wirklich. Der Teufel hat eingewilligt, unter einer Bedingung: Du musst eine der zwei Optionen wählen, die er dir anbietet. Die erste kennst du ja schon.“
„Und die zweite?“
„Schau mal zur Seite.“ sagte Karsten und grinste hämisch.
Mario schaute auf die andere Seite des Bettes und sah Marla genau dort liegen, wo vor wenigen Minuten noch Karstens Leiche aus dem Nichts aufgetaucht war. Sie lag noch genau so, wie er sie zuletzt gesehen hatte und der Blutfleck war auch verschwunden.
„Nein.“ hauchte Mario.
„Entweder deine eigene Seele, oder die deiner Freundin.“ sagte Phillipe und lächelte süffisant. „Du kannst dich nicht beklagen, schließlich hast du eine Wahl. Ein Luxus, der Karsten und mir leider verwehrt blieb... wie du weißt.“
„Nein. Nicht Marla.“ wisperte Mario.
„Na komm, du kleiner Fixer, dann beweis doch mal ordentlich Arsch in der Hose und stürz dich selber ins Messer. Das geht ganz schnell und bei diesem Wundermesser tut's nicht weh. Ich weiß doch, wovon ich rede.“ feixte Karsten.
„Und wenn ich mich einfach weigere?“
„Dann werden wir wiederkommen. Jede Nacht, bis an dein Lebensende.“ sagte Phillipe.
„Und dabei wird es uns scheißegal sein, ob du gerade dabei bist, irgendeine Schlampe zu vögeln, dir `ne Spritze zu setzen, oder auf'm Pott am scheißen bist.“ warf Karsten belustigt ein.
„Obwohl. Auf letzteres kann ich auch liebend gerne verzichten.“ sagte Phillipe mit angewidertem Gesicht. Karsten lachte.
„Wie werden dir das Leben zur Hölle machen. Nacht für Nacht.“ prophezeite Phillipe.
„Und wenn du in die Klappsmühle kommst,“ sagte Karsten, „werden wir deine Pillen verstecken, damit du auch nicht die geringste Chance hast, uns in die verdrehten Windungen deiner hohlen Rübe zu entkommen.“
Mario schaute verzweifelt auf Marla und dann auf den Dolch. Dann drehte er Marla auf den Rücken. Sie war noch so unter dem Einfluss der Drogen, dass sie gar nicht mitbekam, was um sie herum vorging.
„So ist fein, Lumpi.“ sagte Karsten. „Leg sie dir zurecht und hau ihr das Ding genau zwischen die Titten. Die findest du wenigstens noch.“
Dann kniete sich Mario über seine Freundin, nahm den Dolch in beide Hände und hob sie hoch über den Kopf.
„Moment!“ rief Phillipe und Mario hielt erschrocken inne. Phillipe stellte sich neben das Bett „Da fehlt noch was. Du musst dem Teufel sagen, dass die Seele für ihn ist, sonst war die ganze Aktion umsonst.“
Mario nahm das Messer so hoch es ging über den Kopf und schaute Marla ins Gesicht.
„Ich mache es noch ein wenig interessanter.“ sagte Phillipe, beugte sich über Marla und blies ihr ins Gesicht. Karsten kicherte wie ein kleiner Junge. „Jetzt solltest du dich aber beeilen.“ riet Phillipe und zeigte auf Marla, die ihren Kopf von der einen Seite auf die andere legte und gerade im Begriff war, zu erwachen.
„Eine Seele für den Teufel!“ schrie Mario und im gleichen Augenblick öffnete Marla die Augen. Sie sah Mario mit dem Dolch in den Händen über sich knien und sie brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde um zu begreifen, was da gerade vor sich ging.
„Nein!“ schrie sie angsterfüllt. „Mario, tu das nicht!“
Doch es war schon zu spät. Mit einem feinen Zischen sauste der Dolch hinab... und drang tief in Marios Brust ein. Marla sah in seinen Augen die gleiche Angst, die man in den Augen eines Kälbchens sehen kann, das zum Schlachthof geführt wird und den Tod schon von weitem riechen kann.
„Wehe, einer von euch Pissern nennt mich nochmal einen Feigling.“ keuchte Mario und im Hintergrund konnte er Karsten Beifall klatschen hören.
„Oh Gott, Mario. Was hast du nur getan?“ fragte Marla flüsternd und weinte.
„Ich habe uns befreit...“ röchelte er. „Es tut wirklich nicht weh...“ hauchte er kraftlos. „Ich liebe Dich... pass auf dich...“ Er kam nicht mehr dazu, seinen letzten Satz zu vollenden. Das blaue Licht hüllte ihn gänzlich ein und dann fiel der Dolch aus seiner Brust und lag auf dem Bett. Er hatte den Übergang hinter sich gebracht. Traurig sah er auf Marla, die mit der Hand die Stelle abtastete, auf der er zuletzt gelegen hatte. Den Rest von Wärme in der Matratze abtastend, der noch für kurze Zeit und als einziges von ihm übrigbleiben würde. Laut rief sie seinen Namen und in ihrer Stimme konnte man Trauer, Wut und Verzweiflung hören.
„Na Phillipe, hättest Du gedacht, dass er das bringt?“
Phillipe schüttelte den Kopf. „Nein, ich hab damit gerechnet, dass er seine Freundin tötet.“
Ruckartig drehte Mario sich um.
„Ihr seid ja immer noch hier.“ stellte er verwundert fest.
„Aber nicht mehr lange.“ sagte Phillipe und zeigte in eine Ecke des Zimmers, in dem sich zwei kleine Lichtpunkte bildeten. Der eine war weiß und der andere rot. Sie drehten sich und dehnten sich aus, bis aus den zwei kleinen Punkten zwei mannshohe Ovale entstanden waren. Aus dem roten Portal schoss eine riesige, mit Schuppen besetzte, grüne Klaue hervor, packte Mario, der aus Leibeskräften schrie und zappelte und riss ihn unsanft durchs rote Portal, das sich daraufhin augenblicklich wieder zusammenzog und im Nichts verschwand.
„Es wird nun Zeit für dich zu gehen.“ sagte Phillipe sanft zu Karsten, der immer noch in die Ecke starrte, in der Mario gerade auf so ungewöhnliche Art und Weise verschwand.
„Wird er da unten sehr leiden müssen?“
„Nein. Er hat selbstlos gehandelt und das wird sogar vom Teufel belohnt. Er darf zweihundert Jahre lang Kohle auf's Fegefeuer schaufeln und dann darf er auch nach oben und in die Harfe greifen.“
„Aber die zweihundert Jahre gönn ich dem Arsch von ganzem Herzen.“
„Eine Frage noch, bevor du gehst.“
„Ja?“
„Was hast du eigentlich wirklich in dem Puff zu suchen gehabt? Du hattest doch zuhause alles, was du wolltest und brauchtest.“
„Sowas beschäftigt dich wirklich?“ Karsten lachte und Phillipe nickte.
„Pass auf. Ist ganz einfach. Der Puffbesitzer ist ein alter Kumpel von mir und ich bin IT-Spezialist. Und heutzutage wird sogar im Puff alles mit dem Computer abgerechnet und verwaltet. Ich hab seine Computeranlage wieder zum laufen gebracht, dann haben wir zusammen ein Bier getrunken, während ich die Rechnung geschrieben hab.“
„Ein ganz normaler Job also.“
„Ja, ein ganz normaler Job.“
„Es tut mir leid, dass es dich erwischt hat.“
„Mir auch, aber das tut jetzt nichts mehr zur Sache. Sollen wir?“
„Nein.“ sagte Phillipe traurig. „Ich hab hier noch zu tun und muss mich noch um den Dolch kümmern. Damit nicht wieder irgend so ein kleiner Junkie daherkommt und Unsinn damit anstellt.“
„Leb wohl.“ sagte Karsten und reichte Phillipe die Hand. „Wir sehen uns dann oben.“
„Was noch eine Weile dauern wird.“ erwiderte Phillipe. „Leb wohl und lass die Harfe nicht fallen.“
„Nein, bestimmt nicht. Ich werde einen Verstärker daran anschließen und ordentlich abrocken.“
Phillipe lächelte. Dann drehte Karsten sich um und ging zielstrebig in das weiße Licht. Und ebenso wie zuvor das rote Portal, verschwand es im Nichts. Phillipe nahm den Dolch an sich, der durch Marios Tod nun für ihn anfassbar und für Marla unsichtbar geworden war und steckte ihn in den Hosenbund. Dann sah er noch einen Moment voll Mitleid auf Marla, die im Bett lag, ganz bitterlich weinte und immer wieder flüsterte: „Warum nur? Warum immer ich?“
Dann schloss er die Augen und dachte an sein Zuhause und als er seine Augen wieder öffnete, stand er in seiner guten Stube vor seinem Ofen, unter dem sein alter Kater gekrochen kam und ihm schnurrend um die Beine strich.

*


Phillipe benötigte zwei Tage, bis die Vitrine des Dolches wieder repariert war. Nun hing er wieder an seinem Platz und als Phillipe wohlwollend sein Werk betrachtete, vernahm er hinter sich ein leises Ploppen und in der Luft hing plötzlich ein unangenehmer Schwefelgeruch.
„Hab mir schon gedacht, dass du über kurz oder lang hier auftauchen würdest.“ sagte Phillipe ruhig und wischte mit einem Tuch vorsichtig die letzten Fingerabdrücke vom Glas.
„Wir haben doch gemeinsam einen Handel laufen, der gepflegt werden will.“ antwortete eine angenehm warme Stimme.
„Wie immer, durch und durch Geschäftsmann, wie?“ fragte Phillipe und drehte sich zu seinem Besucher um.
„Zynismus steht dir nicht, mein Lieber.“ sagte sein Besucher vorwurfsvoll.
„Du warst aber auch mal besser gekleidet.“ Phillipe schaute erstaunt seinen Gast an. Da saß der Teufel in Person in Phillipes Schaukelstuhl, wippte sacht vor und zurück und grinste breit. Auf dem Kopf trug er einen Sombrero mit bunten Bommeln an der Krempe, unter dem seine tiefschwarzen Augen wie zwei blank polierte Onyxsteine funkelten. Er trug ein knallbuntes Hawaiihemd, das ihn bis an die ungemein behaarten Beine reichte, eine ebenso knallbunte Boxershorts und seine Füße steckten in einem Paar grasgrüner Gummibadelatschen.
„Du weißt ja. Es herrscht ein ziemlich warmes Klima bei mir zuhause.“ sagte er und zog entschuldigend die Schultern hoch. „Ist meine Arbeitskleidung.“
„Warum hast du mich wieder zurückgeschickt?“ fragte Phillipe verärgert.
„Wir haben einen Deal, Omar. Hast du das vergessen?“
„Musst Du mich immer mit diesem Namen anreden?“
„So lautet nun halt mal dein Name: Omar al Abbar. Wenn ich mir jedesmal einen neuen merken müsste, würde ich nicht mehr durchblicken. Und der Deal war: Für jedes Leben, das der Dolch nimmt, musst du ein Leben auf der Erde verbringen. So ist der Handel, Omar.“
„Aber ich hatte dieses doch so gut wie abgeschlossen.“
„Du hast in deinem ersten Leben als Omar al Abbar achtzig Jahre gelebt und so sollst du auch für jedes vom Dolch genommene Leben, achtzig Jahre auf der Erde verweilen. Und dieses Leben hatte nur vierundsiebzig Jahre angedauert.“
„Wirst du da nicht ein wenig kleinlich?“
„Nein, ich will mir nur nicht nachsagen lassen, ich würde schlampig werden. Was glaubst du wohl, was dann los ist, wenn plötzlich alle eine Sonderbehandlung verlangen.“
„Ist ja schon gut.“ seufzte Phillipe. „Ich kann mich nur darüber ärgern, dass du mich so dermaßen reingelegt hast.“
„Reingelegt? Heute würde man wohl sagen, du hast das Kleingedruckte nicht gelesen.“ Der Teufel lachte herzhaft, dann bekam er einen Hustenanfall. „Du warst damals einfach zu besoffen, um noch klar denken zu können.“ Er wischte sich die Tränen aus dem hochroten Gesicht. „Und vom Opium will ich hier mal erst gar nicht anfangen und von der Haremsdame, die in die ganze Sache involviert war und...“
„Die Haremsdame war ein Sukkubus, der noch was bei dir gut hatte und den du mir geschickt hast. Sie hat mich so mit Wein und Opium abgefüllt, dass ich allem zugestimmt hatte, was dieses verführerische Vollweib mir anbot. Ich war gar nicht mehr Herr meiner Sinne.“
„Habe ich mein Wort etwa nicht gehalten? Bekamst du nicht Ruhm und Reichtum? Und war die Haremsdame nicht immer ganz zu deinem Willen? Du hast nun halt einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, ihn mit Blut besiegelt und ich habe meinen Teil der Abmachung eingehalten und jetzt bist du...“
„Jaja.“ unterbrach Phillipe des Teufels Redefluss. „Ich hab's ja begriffen. Was sagt eigentlich meine Bilanz?“
„Na mal nachrechnen. Von deiner Grundschuld an mich, das sind hundertvierundsiebzig Morde mal achtzig Jahre, also dreizehntausendneunhundertzwanzig Jahre, hast du genau siebenhundertvierzehn abgeleistet. Das macht dreizehntausendzweihundersechs. Zu den hundertvierundsiebzig Morden, die du auf deinem Konto hast, kommen noch, Moment mal.“ Er zog einen Organizer aus der Hemdtasche und begann wie wild auf den Tasten zu drücken. „Ich liebe euch Menschen ja ganz besonders für eure Technik. Ich weiß gar nicht, wie ich die ganzen Jahrtausende ohne die Dinger klar gekommen bin.“
„Ich hasse diese piepsenden Nervtöter.“ sagte Phillipe verächtlich.
„Ja, kann ich verstehen.“ murmelte der Teufel. „Geht mir manchmal auch so. Aber ich freue mich jetzt schon auf ein Kerlchen namens Bill. Wenn ich den endlich zwischen die Finger bekomme, darf der sich mindestens fünfhundert Jahre lang um meine Spielzeuge kümmern... Ach, da steht's ja: Zu den hundertvierundsiebzig von dir kommen nochmal dreiundzwanzig dazu. Du hättest besser auf den Dolch aufpassen sollen, mein Lieber. Der letzte gilt nicht, das haste ja ganz geschickt eingefädelt.“
„Hab ja einen guten Lehrer, wenn’s ums Bescheißen geht.“ erwiderte Phillipe.
„Alter Zyniker. Also, dreiundzwanzig mal achtzig macht tausendachthundertvierzig, ergibt zusammen fünfzehntausendsechsundvierzig. Das mein lieber Freund, ist die restliche Vertragsdauer unseres Handels. Und wenn ich mir die momentane Entwicklung der Menschheit so ansehe, stehen die Chancen gut, dass du deine eigene Rasse überlebst.“
„Wer wird denn nun hier zynisch?“ Phillipe zog die Brauen zusammen. „Kannst du denn nicht irgendwann einmal Erbarmen mit mir haben?“
„Hey. Da fragst du den Falschen. Für Erbarmen bin ich nicht zuständig. Wie willst du eigentlich diesmal dein Leben beenden?“
„Altersschwäche. Herzinfarkt im Bett oder einfach nur tot umfallen. Du darfst dir was aussuchen.“
„Gut, lass dich überraschen. Wir sehen uns dann in sechs Jahren wieder.“
„Ja genau. Hau endlich ab, du stinkst mir die ganze Bude mit deinem archaischen Deodorant voll.“
„Keine Ahnung von wohlriechenden Düften, diese Menschen.“ sagte der Teufel kopfschüttelnd und mit einem leisen Plopp war er verschwunden.
Zurück ließ er einen niedergeschlagenen Phillipe, der die Fenster öffnete um frische Luft hinein zu lassen. Dann setzte er sich ächzend in seinen Schaukelstuhl und streichelte Abdul, der auf seinen Schoß sprang, noch ehe er richtig saß.
„Halt noch sechs Jahre durch, mein Guter.“ sagte er zu der Katze, während er langsam in einen leichten Schlaf hinüberglitt. „Dann schaffen wir es diesmal vielleicht zusammen. Du hättest siebzehnhundertdreiundvierzig einfach nicht den blutigen Dolch ablecken dürfen. Nun steckst du mit in der Sache drin. Was der Pferdefuß sich dabei gedacht hat, kann ich auch nicht ergründen.“ Der Kater legte seinen Kopf auf Phillipes Hand und als er endlich einschlief, war Phillipe schon längst im Reich der Träume, in dem es keinen Teufel, kein Opium, keinen Alkohol und keine hinterlistigen Haremsdamen gab.



© 2007 bei Dirk Sender

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