Traurig sah Thomas auf den schlohweißen Haarschopf, der wild in allen Himmelsrichtungen vom Kopf seines Großvaters abstand. Großvater lag in seinem alten großen Eichenbett, die Bettdecke bis unters Kinn gezogen und schlief. Krank ist er geworden. Alt und krank. Wie ein kristallklarer Wasserfall floss sein langer weißer Haarschopf das dicke Kopfkissen bis zu seinen Schultern herab. Der Bart, der ihm bis zum Bauchnabel reichte, war ebenso struppig und ebenso weis wie sein Haar. Thomas konnte sich nicht erinnern, seinen Großvater einmal ohne lange Mähne und Bart gesehen zu haben.
Er liebte diesen alten Zausel über alles, der Zeit seines Lebens immer nur Flausen im Kopf hatte und alle Kinder glücklich machte. Wenn dieses gewisse bollernde Knattern in der Siedlung vernehmbar war, wusste jeder, dass Opa Ewald wieder mit seiner alten Knatterkiste aus dem zweiten Weltkrieg unterwegs war. Und jeder kannte diesen wunderschönen Anblick, wenn der geflochtene Zopf, der unter dem Halbschalenhelm hervorlugte und die beiden geflochtenen Zöpfen seines langen Bartes wild im Wind wehten. Und ebenso kannte man seinen alten Schäferhund Heinz-Hermann, der ebenso alt schien wie er, im Beiwagen angeschnallt die Schnauze in den Wind hielt und seine Lefzen ihm bis an die Augen hoch flatterten und sein Sabber wie eine Fahne im Wind wehte. Dann versammelten sich die Kinder am großen Spielplatz in der Mitte der Siedlung und jedes durfte einmal mit Opa Ewald im Beiwagen neben Heinz-Hermann um die Siedlung fahren. Und jedes Kind wusste, das sich im Beiwagen eine große Schachtel mit Süßigkeiten versteckte, aus der es sich was nehmen durfte. Aber nicht ohne vorher Heinz-Hermann ein Gummibärchen, die er abgöttisch liebte, ins Maul zu stecken. Denn sonst knurrte er ganz unheimlich, wenn man sich zuerst was in den Mund steckte und vor seinem Knurren konnte man fürchterlich Angst bekommen.
Wenn der Herbst kam, bastelte Opa Ewald die schönsten und besten Drachen und ließ sie mit den Kindern auf Bauer Heinrichs Stoppelfeld steigen. Und wenn doch einmal einer seiner legendären Windvögel vom Himmel fiel, war das ein Fest für Heinz-Hermann. Der stürzte sich mit lautem Gebell auf den Drachen und gab ihn nicht mehr her. Mit seiner Beute im Maul legte er sich etwas abseits und kaute mit Wonne auf den Holzstangen herum. Opa Ewald lachte dann laut und meinte, dass das Kauen auf den Holzstangen sein Gebiss sauber halten würde. Er hatte es zwar mal mit einer Zahnbürste bei ihm versucht, doch die hatte er knurrend aufgefressen. Die Rache dafür hätte er einen Tag später bekommen. Beim Häufchen machen. Über das Gesicht, das sein alter Kläffer dabei gemacht hatte, lachte er noch Jahre später.
Thomas’ Herz krampfte sich zusammen. Seine ganze Kindheit über hat Opa Ewald ihn begleitet. Wenn er traurig war, hatte Opa ihn getröstet, wenn es Streit Zuhause oder in der Schule gab, war Opa Ewald für ihn da. Immer hatte er einen guten Rat zur Hand und jedem der zu ihm kam, hat er mit aller Kraft seines Herzens geholfen. Und es waren viele die zu ihm kamen und es waren nicht nur die Kinder, die seine Hilfe benötigten. Opa Ewald war so etwas wie eine Institution. Er war Eheberater, Streitschlichter, Tröster, Schmerzwegpuster, Liebeskummerlinderer, Handwerker, sogar Computerspezialist, denn Opa Ewald interessierte sich für alles. Kurz gesagt: Opa Ewald war Helfer und Ratgeber in allen Lebenslagen. Und jeder hörte auf seinen Rat. Und noch etwas hatte Opa Ewald, das ihn einzigartig machte: Er hatte das schönste und ansteckendste Lachen, das jemals ein Mensch gehört hat! Egal wie traurig oder niedergeschlagen ein Mensch war, eine Stunde bei Opa Ewald und die Freude kam ins Leben zurück. Niemand, auch nicht der miesepetrigste Mensch konnte dieser Freude und Heiterkeit, die direkt aus Opas Herzen kam, widerstehen. Irgendwann sprang der Funke über, die dunklen Wolken am Horizont verzogen sich und in der Seele strahlte wieder die Sonne, ein helles Stückchen Glanz, aus Opa Ewalds Seele.
Thomas konnte sich nur ein einziges mal daran erinnern, das sein Großvater einmal nicht vor Freude strahlte. Das war der Tag, an dem Großmutter starb. Das war ein schwerer Tag für alle, die Ewald und Magdalena kannten. Denn jeder wusste, das die Beiden ein Herz und eine Seele waren, bis zum letzten Tag ihres gemeinsamen Lebens ineinander verliebt und unvollständig ohne den Anderen. Niemals hatte auch nur irgend ein Mensch die beiden streiten sehen, niemals ein böses Wort gehört, immer nur Liebe, Zuneigung, Verständnis und Interesse aneinander. Dieses Paar war ein Vorbild für alle, die sie kannten. Wenn es irgendwo Streit unter den Liebenden gab, hieß es immer: „Nehmt euch ein Beispiel an Ewald und Magdalena. Von den Beiden könnt ihr lernen, wie man mit Liebe und Respekt miteinander umgeht.“
Am Tag ihrer Beerdigung hatte Opa Ewald seinen schönsten Anzug an. Sein Haar war mit einer besonders schönen Schleife zusammengebunden und sein wallender weißer Bart floss in langen Wellen an seiner Brust herunter. Er war wirklich schön und imposant anzusehen. Doch auch der schönste Sonntagszwirn konnte Ewalds traurige Augen nicht verstecken, in denen man die Trauer über seinen schweren Verlust lesen konnte. Er trat an das Grab, griff in die Erde und ließ sie durch seine Finger auf den Sarg rieseln.
„Du wirst nicht lange auf mich warten müssen, Liebe meines Lebens.“ sagte er leise und die Tränen rannen ihm die Wange herab in den Bart. „Es wird nicht lange dauern, dann werden wir wieder zusammen sein. Doch diesmal bis ans Ende aller Zeiten.“ Er hielt einen Moment inne und alles schwieg und schaute betreten zu Boden. „Bis dahin jedoch, muss ich mit einem halben Herzen leben.“ Dann wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht, drehte sich um und ging nach Hause.
Sieben Wochen und drei Tage hatte man ihn nicht gesehen. Da beschloss die Nachbarschaft, etwas gegen Opa Ewalds Trauer zu tun: Opa Ewald und Magdalena zu Ehren, sollte ein Straßenfest gefeiert werden. Es wurde eifrig gebacken, gekocht, gebastelt und getan, bis der große Garagenhof neben dem großen Spielplatz festlich geschmückt war und auf einer langen Tafel haufenweise Kuchen, Plätzchen, Waffeln, Kartoffelsalat mit Bockwürstchen, herrlich leckere Bratwürstchen und ein riesiger Topf mit Erbsensuppe auf alle wartete. Bunte Papier- und Lichtergirlanden waren über dem gesamten Garagenhof von Dach zu Dach gespannt und wippten leicht im seichten Wind. An Ewalds Garage hatte Ewalds Nachbar, der Malermeister Eckenbaum, ein Portrait von Magdalena gemalt, das so schön war, dass es wie ein Foto wirkte. Es war alles wirklich schön anzusehen. Doch das Wichtigste fehlte bis dahin noch: Der Ehrengast Opa Ewald. So sehr sie auch nach ihm riefen, er kam nicht. Noch nicht einmal am Fenster ließ er sich blicken. Die Nachbarn wollten schon schweren Herzens aufgeben, als die kleine Christina, dem Michael Krombusch seine siebenjährige Tochter, eine Servierte mit Opa Ewalds Lieblingskeksen füllte und durch die Hundeklappe in der Hintertür in Ewalds Haus verschwand. Drinnen war alles dunkel und keinerlei Geräusche waren zu hören, außer dem Schnarchen von Heinz-Hermann. Ewald sagte einmal, man könnte das ganze Haus leer räumen und der olle Heinz-Hermann würde nichts davon mitbekommen. So war es auch bei Christina. Sie lief an dem alten Schäferhund vorbei, der im Tiefschlaf in seinem Körbchen in der Küche lag und wild mit den Pfoten zuckte. Christina vermutete, dass er in seinem Traum wohl bei seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Motorradfahren sei. Er war bestimmt traurig, dass er solange kein Motorrad mehr fahren durfte, denn er war regelrecht süchtig danach. Als sie ins Wohnzimmer schlich, fand sie Opa Ewald. Er saß in seinem alten mächtigen Ohrensessel und starrte ziellos ins Dunkel des Zimmers.
„Opa Ewald.“ Sprach Christine ihn an. Er dreht den Kopf zu ihr und schien durch sie hindurchzusehen. „Ich bin’s, Christina.“ Doch er antwortete nicht und schaute wieder zurück in die Dunkelheit. Christina stellte sich vor ihm auf und zeigte ihm das Bündel mit den Keksen.
„Schau mal ich hab’ dir deine Lieblingskekse mitgebracht. Katzenpfötchen, die isst du doch so gerne.“ plauderte sie drauf los, doch Opa Ewald reagierte nicht, er sah noch nicht einmal auf. Sie ging noch einen Schritt auf ihn zu und sah ihn sich genauer an. Er war ganz abgemagert. Seine Wangen waren eingefallen und in dem spärlichen Licht sah seine Haut ganz grau aus. Sein Harr sah spröde und ganz struppig aus und er saß ganz klein und zusammengesunken in seinem riesigen Sessel. Das war nicht der große, starke und lustige Opa Ewald, den Christina kannte und so liebte und das machte sie furchtbar traurig. Vorsichtig legte sie das Keksbündel auf den Boden und setzte sich auf Opa Ewalds Schoß. Sie schaute ihm ganz tief in seine traurigen braunen Augen und sagte leise: „Opa Ewald. Ich hab’ dich doch ganz furchtbar lieb. Bitte sei wieder fröhlich, sonst muss ich für immer traurig sein. Du fehlst mir so sehr.“
Opa Ewald schaute auf die kleine Christina, mit ihren niedlichen kleinen strohblonden Zöpfchen und diesen klaren, großen runden strahlenden blauen Kinderaugen. Seine Augen wurden rot und dicke Tränen kullerten plötzlich seine Wangen hinab. Da schlang Christina ihre kleinen Ärmchen um seinen Hals, drückte sein Gesicht ganz fest an Ihres und begann leise zu schluchzen. So saßen sie eine ganze Weile einfach nur da und hielten sich gegenseitig fest.
„Nein.“ sagte Opa Ewald dann plötzlich. „Nein, du kleines liebes Geschöpf sollst nicht für immer traurig sein.“ Dann nahm er die kleine Christina fest in den Arm und stand auf.
Draußen wartete man ungeduldig, was nun passieren würde. Als sich nach einer viertel Stunde immer noch nichts tat, wollten die Nachbarn schon unverrichteter Dinge wieder abziehen. Doch dann öffnete sich die Haustür und Opa Ewald, die kleine Christina im Arm haltend, stand in der Tür. Seine Augen strahlten wieder so wie man es von ihm kannte und ein glückliches Lächeln zierte sein Gesicht.
„Was ist los?“ rief er den überraschten Nachbarn zu. „Ich hab’ Hunger!“ Da lachten alle und klatschten Beifall.
Es wurde noch ein rauschendes Fest und Opa Ewald fiel dem Malermeister Eckenbaum vor Freude über das Portrait seiner geliebten Frau, weinend um den Hals. Später ließ sich sogar Heinz-Hermann blicken und an den Krümeln an seiner Schnauze konnte man erraten, dass er das Bündel mit den Katzenpfötchen auf dem Fußboden gefunden hatte. So gefielen ihm Katzenpfoten bestimmt am besten.
Tausend Erinnerungen stiegen in Thomas empor. Tausend schöne Dinge. Und nun lag der immerstarke Opa Ewald seit einer Woche schwach und gebrechlich vor ihm in diesem großen alten Bett, in dem er so zusammengesunken, klein und hilflos wirkte. Doktor Felsenstein, Opas Hausarzt und alter Kumpel schaute täglich herein und versuchte Ewald dazu zu überreden, ins Krankenhaus zu gehen, doch das lehnte Ewald strikt ab. Er war der Meinung, dass sich die Natur etwas dabei denken würde, einen alten Knochen wie ihn zurück in die Erde zu nehmen.
„Weist du, Thomas mein Junge,“ hatte er kürzlich zu ihm gesagt, als er merkte, dass es langsam mit ihm ´gen Ende ging, „das ist nun mal der Lauf der Dinge. Wir kommen auf die Welt, um ein Leben zu leben und dann zu sterben. Wir sind nur zu Besuch auf diesem wunderschönen Planeten. Wenn wir ewig leben würden, wäre kein Platz mehr für Kinder. Sie sind doch die Essenz des Lebens und wir waren alle mal selber Kinder. Wenn wir ewig leben würden, dann würde es keine Kinder mehr geben und wenn es keine Kinder mehr geben würde, so hieße das Stillstand und Stillstand bedeutet Tod. Ein Tod für die gesamte Menschheit. Ich akzeptiere, dass mein Ende naht. Ich habe ein wunderbares Leben gelebt. Es war voll mit Liebe, Abenteuer, Freundschaft und Freude, auch wenn es einige Zeiten gab, die nun wirklich nicht schön waren. Doch das ist auch ein fester Bestandteil des Lebens mein Junge: der Tod. Ich halte nichts von den widernatürlichen Anstrengungen, der Natur noch ein paar Tage mehr herauszuquetschen. Das ist egoistisch. Ich bin alt und werde eines natürlichen, schönen Todes sterben. Mein Auftritt ist vorbei. Mich hält hier nichts mehr.“
Und damit, dass ihn nichts mehr halten würde, hätte er recht, meinte Doktor Felsenstein. Ewald litt an Kummer und an Sehnsucht nach Magdalena. In den letzten drei Jahren nach ihrem Tod, ging es langsam bergab mit ihm. Und dann starb auch noch, fast genau ein Jahr nach Magdalena, Heinz-Hermann. Eines Abends, Ewald sah gerade fern, kam Heinz-Hermann mit gesenkter Rute ins Wohnzimmer geschlichen und sprang neben Ewald auf’s Sofa. Der Hund schaute ihm mit einem ganz seltsamen und traurigen Blick in die Augen. Da wusste Ewald, was los war. Er nahm seinen alten treuen Kumpel in den Arm und legte seinen Kopf vorsichtig in seinen Schoß. Er streichelte ihn zärtlich und sprach ihm Mut zu. Dass er keine Angst zu haben brauche, dass er gleich Frauchen wiedersehen werde und dass er nicht mehr sehr lange warten müsse, bis auch er ihm nachfolgt. Dann schlief Heinz-Hermann ganz friedlich und ruhig ein und wachte nicht mehr auf. Ewald nahm den alten Heinz-Hermann fest in den Arm und weinte bitterlich. So viele schöne Stunden hatten die beiden zusammen verlebt, so viele schöne Erinnerungen hatte sein treuester Freund ihm beschert. Aber Ewald freute sich für Heinz-Hermann, dass er nicht hatte leiden müssen. Er war einfach an Altersschwäche gestorben. Wenn Hunde lächeln könnten, hatte Ewald später einmal gesagt, so hätte er Heinz-Hermann mit einem Lächeln im Gesicht in Erinnerung behalten können. Ewald vergrub seinen treuen alten Freund im Garten unter der alten Eiche. Doch seit diesem Tag verstummte das lustige Knattern seines Motorrades auf immer.
„Glaubst du an Gott, Opa?“ hatte Thomas ihn vor ein paar Tagen gefragt, als es ihm noch ein wenig besser ging.
„Ja, aber nicht so, wie es die Kirche uns vorzuschreiben versucht zu glauben.“ gab er schmunzelnd zur Antwort. „Ich glaube nicht an brennende Büsche, Gebotstafeln, Staatsladen oder Stecken, die sich in Schlangen verwandeln. Das ist alles nur Mumpitz. Ich glaube auch nicht an eine personifizierte Gottheit, die auf einer goldenen Bank, vor einem goldenen Haus im Himmel seine Schöpfung betrachtet. Das waren alles nur Versuche der Menschen, ihre Herkunft und Existenzberechtigung zu erklären. Wir alle wissen doch spätestens seit Darwin, wo wir herkommen mein Junge. Der einzige Designer von Lebewesen ist die Natur und kein spirituelles, vernunftbegabtes Lebewesen, auch wenn die erzkonservativen Katholiken neuerdings wieder das Gegenteil behaupten und mit Siebenmeilenstiefeln zurück ins Mittelalter hopsen. Nein mein Junge.“ sagte er und seine Augen begannen plötzlich zu leuchten. „Die Natur ist Gott, das Leben ist Gott. Ein Gedanke, das rauschen des Windes in den Blättern, das Licht der Sonne, wenn es durch das Blätterdach der Bäume die Erde mit warmen Tupfen sprenkelt. Eine Ameise, die die Eier der Königin durch den Bau trägt, der Gesang der Vögel und der betörende Duft von wunderschönen Blumen. Auch die Sterne im Weltall, welche die Geburtsstätten allen Lebens sind. Das alles ist Gott mein Junge.“
„Wenn es Gott so nicht gibt, wie ist es dann mit Jesus?“
„Jesus war ein feiner Mann. Ein großartiger Kerl. Mutig war er und willens, ein Leben in Frieden, Freiheit und Menschlichkeit zu leben. Man hat ihn getötet, weil die Menschen noch nicht bereit dazu waren. Er war seiner Zeit tausende von Jahren voraus. Die Geschichte mit der unbefleckten Empfängnis vergiss mal ganz schnell wieder.“
„Dann glaubst du auch nicht an den Himmel, oder?“
„Oh doch. So widersprüchlich sich das auch anhören mag. Ich glaube schon an so etwas wie den Himmel. Dort werde ich all jene wiederfinden, die mir im Laufe meines Lebens verloren gegangen sind. Wir werden nicht auf Wolken sitzen. Und eine Hölle, in der das ewige Feuer der Verdammnis brennt, werden wir von da auch nicht sehen. Aber wir werden alle wieder vereint sein. Auf alle Ewigkeiten.“
„Ich werde dich sehr vermissen Opa. Ich wünschte mir so sehr, du könntest noch lange bei uns bleiben.“ Thomas’ Augen wurden feucht. „Ich kenne ein Leben ohne Dich doch gar nicht.“
„Es ist doch nur meine Hülle, die geht.“ sagte Ewald sanft und nahm Thomas’ zitternde Hand in Seine. „Ich bestehe doch weiter. In deiner Mutter, die meine Tochter ist, in dir, deinen Kindern und Kindeskindern. Ich bin ein Teil von Euch, weil ihr ein Teil von mir seid. Ich habe großes Vertrauen, was die Überlebensfähigkeit der Menschen betrifft. Selbst wenn die Erde irgendwann einmal nicht mehr existiert, und das wird so sein, wenn die Sonne erlischt, wird der Mensch längst auf anderen Planeten zuhause sein. Dadurch wird jeder von uns auf ewig bestehen“
„Wenn wir Menschen so wie bisher weitermachen, werden wir uns selber ausrotten, weil wir den Planeten verseuchen.“
„Immer eine Antwort parat.“ lachte Ewald laut.
„Rate mal, von wem gelernt.“ gab Thomas lachend zurück.
„Im Spätsommer siebenundsiebzig, du warst gerade mal sechs Jahre alt, schickte der Mensch sich an, sich für alle Zeit in den Weiten des Alls zu verewigen. Im Spätsommer siebenundsiebzig hoben zwei Raketen von der Erde ab und brachten zwei Satelliten ins All. Sie machten sich auf den Weg in die äußere Region unseres Sonnensystems, um den Forschern dabei zu helfen, die Natur zu verstehen.“
„Die Voyagersonden.“ wusste Thomas.
„Genau. Und diese Sonden hatten nicht nur Instrumente an Bord, sondern auch eine kupferne Schallplatte, auf der sich Töne unserer Erde befinden, ein Abspielgerät und eine Gebrauchsanweisung. Nachdem die Sonden ihren Dienst getan haben, sind sie nun auf dem Weg, unser Sonnensystem zu verlassen und in die Weiten des Alls zu fliegen. Und irgendwann wird irgendjemand oder irgendetwas diese Satelliten bergen und so von uns erfahren. Also, selbst wenn die menschliche Rasse irgendwann einmal aussterben sollte, werden wir in der Erinnerung anderer Wesen weiterleben.“
„Aber wer sagt denn, das sie überhaupt je gefunden werden, oder nicht zerstört werden. Das Weltall ist ja nicht gerade so leer, wie es im ersten Augenblick den Anschein hat.“ gab Thomas zu bedenken.
„Da draußen gibt es abermilliarden Sonnen- und Planetensysteme. Die Chance, dass es da draußen auch Leben gibt, das in der Lage ist, die Sonden zu finden, ist größer als die Möglichkeit, dass eine kleine Sonde durch Kollision zerstört wird.“ Darauf wusste Thomas nichts zu antworten.
Zur gleichen Zeit, weit weit entfernt:
Weit draußen im Weltall machte sich ein gebündelter Strahl reinen energetischen Lichtes auf den Weg durch den Raum, um ein fünftausend Kilometer entferntes, unbekanntes Objekt zu zerstören. Der Strahl ging von einem Raumschiff aus, dessen Flugbahn dieses Objekt gefährlich nahe gekommen war.
„Du hirnverbrannter, übergalaktischer Superidiot!!!“ quiekte es laut aus den Helmlautsprechern des Schützen, der erschrocken die sechs langen Finger seiner Hand von den Feuerknöpfen nahm, die er gleichzeitig drücken musste, um den Laserstrahl abzufeuern zu können.
„Wir sind eine Ewigkeit unterwegs, um nach Spuren niederer Intelligenz zu suchen! Dann haben wir endlich welche gefunden, und du zerlegst es in seine Atome! Wir waren gerade dabei es zu bergen. Wozu hast du eigentlich zwei Gehirne du Unterdruckdose!“
„Ich ... ähhhh ... ich dachte das wäre ein Gesteinsbrocken.“ quiekte der Schütze in sein Mikrofon.
„Ich wusste, das man dich nicht denken lassen darf. Du bist ab sofort suspendiert, ziehst dich auf dein Quartier zurück und bekommst drei Tage lang nichts zu Essen. Und wenn wir wieder zurück sind, WIRST DU IN DEN INNENDIENST VERSETZT!!!!!“
„Thomas?“ Ewalds Stimme war nur noch ein flüstern.
„Ich bin hier Opa.“ gab Thomas traurig zur Antwort, denn er wusste, dass sich nun das unabkehrbare Ende ankündigte.
„Die Nasa hat gut daran getan, gleich zwei Sonden in das All zu schießen.“ gab er fast nur noch flüsternd von sich.
„Ja, ganz bestimmt Opa.“ antwortete Thomas verwirrt. Er geht schon in den Tod hinüber, dachte sich Thomas, da wird er wohl noch mal an das Gespräch gedacht haben.
„Ahhhh, da bist du ja, Liebe meines Lebens.“ flüsterte Ewald freudig. „Ich wusste, du kommst mich abholen. Und Heinz-Hermann hast du auch mitgebracht.“ Thomas setzte sich auf den Bettrand, nahm Ewalds Hand und drückte sie an seine Wange. Da war er nun, der Moment, vor dem er solche Angst gehabt hatte. Sein Herz verkrampfte sich vor Kummer und er weinte still und leise.
„Nicht weinen mein Junge.“ murmelte Ewald. „Freu dich für mich. Ich bin nun endlich wieder da, wo ich mein ganzes Leben lang nur sein wollte. Bei meiner Magdalena. Ich möchte jetzt gehen.“
„Dann mach es gut Opa.“ Thomas küsste Ewalds Hand, die von seinen Tränen schon ganz nass war. „Ich werde immer an dich denken Opa. Ich hab die furchtbar lieb.“
„Ich dich auch junge.“ murmelte Ewald ganz leise.
„Und grüß Oma und Heinz-Hermann schön von mir.“ Thomas brachte nur noch ein Schluchzen hervor.
„Das mache ich gerne.“ hauchte er schwach und dann atmete er schwer und langsam.
„Ohhhh Magdalena, wie schön und hell du doch strahlst.“ flüsterte er freudig. „Heinz-Hermann, du hast nie besser ausgesehen ... ja, ich komme jetzt zu dir, strahlender Engel, zu dir ins Licht, das aus dir strahlt ... Oh Magdalena, ich liebe dich so, du hast mir so furchtbar gefehlt. Ich liebe Dich ... endlich bist du wieder da, auf ewig für mich da ...“
Und dann, mit einem befriedigendem Seufzer und einem glücklichem Lächeln im Gesicht, tat Ewald seinen letzten Atemzug.
© 2006 bei Dirk Sender
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