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Also Ameisen sind ja schon eine seltsame Spezies. Sie bilden Staaten, in denen alles organisiert abläuft und in denen jedes Individuum eine fest zugewiesene Aufgabe hat. Unter anderem: Nahrung beschaffen!
Also bilden sie ein Heer und entwickeln invasorische Fähigkeiten, um dem Staat und der Königin Nahrung zu bringen.
Ich finde das super, keine Frage. Mir sind die Tierchen sogar sympathisch......aber nicht in meinem Wohnzimmer!!
Als meine Frau letztens des Nachts halbnackt ins Wohnzimmer schlich, um ihren Durst an einer Mineralwasserflasche zu stillen, wunderte sie sich über ein Kribbeln an Füßen und Händen. Als sie das Licht einschaltete, sie musste erst die kleine Lampe am Aquarium einschalten, da unsere super Designerdeckenlampe (Geburtstagsgeschenk eines Elektrikers) mal wieder defekt ist, erkannte sie den Grund: viele kleine schwarze Ameisen.
Sie kamen durch die auf Kipp gestellte Balkontür, bildeten eine Straße unter der Couch her bis zum Wohnzimmertisch, auf dem zwei halbgefüllte Gläser Cola und Kuchenreste standen, um sich an den Freßtrümmern gütlich zu tun und in der Cola ordentlich zu baden.
Und meine Frau ist direkt durch die Ameisenstraße gelatscht. Bei Schuhgröße einundvierzig hat das einer Menge Ameisen das Leben gekostet.
Mit angeekeltem Gesicht stand sie dann vor meinem Bett und verlangte, Gegenmaßnahmen zu ergreifen.
Schlau wie sie ist, verstreute sie auf dem Balkon Zucker und Backpulver, um die Ameisen erst mal aus der Wohnung zu locken. Von dem Backpulver versprach sie sich, daß sich die kleinen Biester daran sattfressen und platzen würden.
Tatsächlich riß der Strom der Ameisen ab und konzentrierte sich auf den Zucker und das Backpulver, so dass wir die Balkontür schließen und wieder schlafen gehen konnten.
In der Nacht meinte ich leise ploppende Geräusche hören zu können und hoffte, die Biester hätte es erwischt.
Geplatzte Ameisen habe ich dann aber am anderen Tag nicht gesehen. Schade, hat nicht funktioniert. War wohl doch nur ein Traum.
Doch dafür sah man regelrechte Ameisenherden, die sich den Zucker einverleibten.
Das ist meine Chance dachte ich mir und machte Wasser heiß, um sie alle für immer vom Balkon zu verdammen.
Hat bestens funktioniert.........aber nicht für immer sondern nur für zwei Tage.
Also haben wir versucht, ihren Bau zu finden, haben auf den Rat der Schwiegermutter den vermeintlichen Baueingang mit Spüli getränkt und wieder literweise heißes Wasser drübergeschüttet.
Was soll ich sagen........zwei Tage später waren diese kleinen schwarzen Biester wieder da!
Es reichte, eine leere Wassereisverpackung auf dem Tisch zu legen und keine fünf Minuten später war der Tisch wieder mit kleinen schwarzen Soldaten bevölkert.
Nichts half, weder zerquetschen, verbrühen noch flehen.
Doch da kam mir eine Idee!!!
Am Rand des Tisches lief eine Ameise, alleine, ohne den Schutz der anderen.
Ich stülpte ein Glas über das Insekt, holte die große Lupe vom Schreibtisch um mir das Biest mal genauer ansehen zu können.
Da standen wir uns nun gegenüber und schauten uns in die Augen.
Geistesgegenwärtig schnappte ich mir einen Zuckerwürfel und begann damit, ihn vor den tausend Augen der Ameise hin und her zu schwenken. Die Ameise schien hungrig zu sein, denn ihr Kopf folgte stets dem Zuckerwürfel.
„Du wirst müde.“ sprach ich im ruhigen Ton. „Deine Augen werden schwer. Du möchtest Deine Augen schließen und schlafen. Und wenn du deine Augen geschlossen hast und eingeschlafen bist, wirst du alles tun, was ich dir befehle!“ Und tatsächlich, nachdem ich eine Weile auf die Ameise eingeredet hatte, fiel ihr Kopf platt auf die Tischplatte.
Sowas hatte ich mal bei nem Kumpel gesehen, der war zwar nicht hypnotisiert, sondern stockbesoffen, aber das hat genauso ausgesehen!
„Kannst du mich hören?“
Die Ameise nickte.
„Du bist nun eine gefährliche südafrikanische Killerameise. Wenn ich mit den Fingern schnippe, wirst du folgendes tun.....“
Ich erklärte ihr die Grundlagen der Atomphysik und wie man aus einfachsten Mitteln Atomwaffen, Granaten und Maschinengewehre baut und schickte sie mit dem Auftrag, die Königin und alle ihre Untertanen zu ermeucheln zurück in den Bau.
Nachdem ich mit den Fingern schnippte und das Glas wegnahm, konnte ich einen irren Ausdruck in ihren Augen sehen, bevor sie sich auf den Weg machte.
Super, dachte ich mir, war doch ganz einfach.
Als ich eine Stunde später feine Rauchwolken aus dem Baueingang ziehen sah, war ich mir sicher, das Ameisenproblem endlich in den Griff bekommen zu haben.
Einige Tage später, es war selbst am Abend noch irrwitzig heiß, saß ich mit meiner Frau vor dem Fernseher. Wir sahen uns eine Dokumentation über militärisch organisierte Ameisenbanden in Deutschland an, die mit Mininukes, Maschinengewehren und schwerer Artillerie die Küchen vieler Dönerbuden überfielen und sämtliche Vorräte an Döner und Knoblauchsoße raubten. Aber auch einige Pommesbuden konnten ihre Bestände an Bratwurst, Krakauer und Currysoße nicht länger verteidigen und mussten aufgeben.
Mich beschlich gerade ein seltsames Gefühl der Mitschuld an der ganzen Situation, als etwas pfeifend an uns vorbeisauste und den Fernseher mit einem lauten Knall in die ewigen Jagdgründe der Unterhaltungselektronik schickte.
Dann kam ein riesiges Heer aus Ameisen an unseren Tisch geschritten. Sie liefen alle in Reih und Glied, waren mit Stahlhelm, Rucksack und Sturmtruppengewehr bestückt. Und es wurden immer mehr. Meine Frau und ich zogen uns ganz aufs Sofa zurück, da von unseren weißen Fliesen nichts mehr zu sehen war. Alles war mit Ameisen bedeckt, die mit ihren Geschützen, Raketenwerfern und Gewehren in Feuerstellung gingen. Als erstes wurde der Kater unter Beschuss genommen, der bis dato friedlich schnarchend auf seinem Kratzbaum den Schlaf der Gerechten schlief. Ich hörte ein leises Knattern und sah das fahle Licht des Mündungsfeuers aus dem Maschinengewehr einer Ameise blitzen, die heimlich und unbemerkt auf dem Aquarium in Stellung gegangen war.
Der Mäusefänger bekam eine Ladung blaue Bohnen ins Hinterteil.
Meine Fresse, so hab ich den Fellsack nie im Leben springen sehen. Mit elektrisiert abstehendem Fell schoss er mit einem Satz zur Balkontür hinaus.
Die Ameise kicherte leise und nahm mich dann aufs Korn.
Ich hörte den Befehl zum Feuern und dann schossen die Biester aus allen Rohren. Das sollte wohl eine Demonstration ihrer Macht sein, denn der Wohnzimmertisch war ihr erklärtes Ziel.
Das Holz splitterte, Kaffeetasse, Aschenbecher, Colaglas und Fernbedienung zerbröselten förmlich. Was solls. Die Fernbedienung war ja nun sowieso überflüssig geworden.
Wir schrieen vor Angst, aber erst, als vom Tisch nur noch ein kleiner Rest aufrecht stand, stellten sie das Feuer ein.
Ein kleiner Trupp löste sich und bestieg in Windeseile den letzten Rest des schweineteuren Naturholztisches. Oben angekommen ging der kleine Trupp sofort in Feuerstellung und nahm uns ins Visier. Nur einer dieser kleinen Gauner richtete sich auf und schaute mich an. Ich nahm meine Lupe zur Hand, die neben mir auf dem Sofa lag und schaute mir diese freche kleine Ameise an. Erst erkannte ich sie nicht, aber als sie den Helm hochschob und die schwarze Sonnenbrille abnahm, fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
„Ey, du solltest deinen Bau atomisieren und nicht mein Wohnzimmer!“ rief ich erbost.
„Wie konnte das geschehen?“
Die kleine Ameise kicherte erst leise, dann begann sie laut zu lachen und wältzte sich vor Freude auf dem Tisch.
„Du bist einfach nur zu blöd.“ prustete sie. „Weil ich dich reingelegt habe. Du konntest mich gar nicht hypnotisieren.“
„Ja aber warum denn nicht?!“ fragte ich erstaunt und verärgert.
„Weil ich keine Augenlieder habe um meine Augen zu schließen du Depp!“ und wieder lachte sie laut und alle Ameisen mit ihr. „Wie soll ich denn da einschlafen? Hehe aber vielen Dank für deine Tipps, lästiges Ungeziefer loszuwerden.“
„Ich verstehe nicht so ganz.......“ sagte ich verwirrt.
„Es ist eine Sache des Betrachtungswinkels, was Ungeziefer ist und was nicht.“ Nun klang die Ameise todernst. „Und aus unserer Sicht, seid ihr das Ungeziefer. Ihr zerstört die Umwelt, die Natur und die Erde. Doch wir werden euch bremsen, bevor ihr uns alle mit eurem Zerstörungswahn vernichtet.“
„Ich könnte dich mit nur eine Handbewegung zerquetschen.“ knurrte ich kampfesbereit.
„Muhahahahahahahahahaha“ lachte die Ameise wieder, und alle zusammen mit ihr.
„Du Blödmann, überleg doch mal, wie viele Insekten es gibt und wie viele Menschen. Wir werden uns vereinigen. Ameisen, Hornissen, Mücken, Wespen, Pferdebremsen, alles was stechen, beißen oder Gift versprühen kann, wird über euch herfallen.“ schrie sie großmächtig. „Und du drohst mir damit, mich zu vernichten?!?!?!?!“ wieder lachten die Biester herzhaft auf meine Kosten.
„Und wir werden jetzt mit dir anfangen.“ sagte sie breit grinsend, setzte sich die schwarze Sonnenbrille wieder auf und schob sich den Helm wieder zurecht.
Ich wollte gerade aufspringen und wenigstens ein paar von ihnen mit meinen beiden Waffen Größe sechsundvierzig ins Ameisennirvana schicken, als meine Frau mich bei den Schultern faßte und heftig schüttelte.
„Was soll der Scheiß? Ich versuche uns vor den Ameisen zu retten und du hältst mich zurück?“ meine Frau schaute mir verwirrt in die Augen.
„Du Kollaborateurin du! Verräterin! Miststück!“
„Sach ma. Hast du se noch alle?“ fragte sie erbost. „Wovon redest du Blödmann eigentlich?“
„Nenn mich ja nich Blödmann. Es reicht, wenn mich dieses freche Ameisenviech so beschimpft. Schau dir doch nur mal an, was diese Insektenpenner mit unserem Tisch veranstaltet haben. Der dürfte nun so klein sein, daß er selbst dir nicht mehr gefällt.“ schimpfte ich völlig aufgebracht und zeigte auf den Tisch.
„Mir gefällt der Tisch gut.“ sagte sie breit grinsend. „Ich hab ihn ja schließlich auch gekauft.“
„Aber die legen uns gleich...........“ unterbrach ich im Satz als ich den Tisch ansah.
Nix!
Alles wie immer!
Keine Ameisen.
Kopfschüttelnd nahm mir meine Frau die kleine Pfeife aus der Hand und stellte sie auf den völlig intakten Tisch.
Eine kleine Ameise überquerte hastig die Tischplatte. Als ich den Daumen schon über ihr hatte, hörte ich ein leises Kichern.
Der Schreck fuhr mir in die Glieder und ich eilte mit dem Zuckerpott nach draußen auf den Balkon, denn eine alte Weisheit viel mir ein: Kannst du deinen Feind nicht besiegen, dann verbünde dich mit ihm.
© 2004 bei Dirk Sender
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